Ich verstehe absichtlich Bahnhof

Es ist 7 Uhr. Ich wache auf und setze mich an die Bewerbung, die ich gestern Abend erfolgreich mit Abwaschen, Comiclesen und Gedanken über die Gesetzmäßigkeiten der Prokrastination verschleppt habe. Ich habe keine großen Hoffnungen, meine Haltung ist die einer Person, die sich im Ich werde mich (Es wird sich) nie mehr (eine Person in mich) verlieben eine gemütliche 5-Zimmer-Wohnung mit Balkon eingerichtet hat.

Kurz spiele ich mit dem Gedanken, einmal zumindest am Anfang einer Bewerbung ehrlich zu schreiben was ich mir denke und tippe es sogar, das ist ja kathartisch, aber es lohnt sich nicht, vielleicht bewerbe ich mich ja wieder einmal dort. Ach Geld.

Nachher gehe ich ins Bad, wo mir der Wäscheberg beim Zähneputzen wie ein Hund an die Beine fällt, als wolle er mir etwas sagen, aber ich bin so in Überlegungen vertieft, warum mir nie Kalender geschenkt werden sollten, dass ich absichtlich Bahnhof verstehe und ihn brutal wieder in sein Behältnis zurückstopfe.

Mit einiger Nostalgie erinnerte ich mich also an den Literaturkalender, den mir mein Onkel schenkte, der drei Jahre nie über Februar hinauskam, denn ein Februarblatt enthielt ein Zitat eines deutschen Schriftstellers, von dem ich noch nie gehört hatte. Er war per Schreibstipendium in Rom und sollte ein Werk vollenden, aber lieber ging er im Forum Romanum spazieren, sammelte dort Tonscherben und fragte sich, was Volsinii heißen könnte. Das kam mir seelenverwandt vor. Irgendwo ist dieses Blatt noch, der Rest des Kalenders landete ungelesen im Altpapier.

Ohrlöcher, Nasenbohrlöcher. Ohrringe, Augenringe, Fingerringe. Dass ich keine Ringe tragen kann habe ich von meinem Vater, sagt meine Mutter. Aber ich habe Ringe, die ich kaufte als ich noch jung war und nicht wusste, dass mein Vater mit Ringen rang. Dass ich die Hände meines Vaters habe, die mir manchmal, im Dunkeln, im Wasser, im Sonnenlicht durchaus schön erscheinen. Die Ringe könnte ich ja verschenken oder warten, bis die Niblinge (sicher kommt da noch mindestens ein Kind) alt genug sind, um durch meine Schmuckkästchen zu graben, wie ich auch.

Zum nautischen Kleid und dem maritimen Schmuck mische ich passende Metaphern. Ich fühle mich wie ein Schiff ohne Anker, ein Fisch ohne Hafen, in einem uferlosen Meer sowieso. Stelle mir vor wie mein Smartphone, mit dem einzigen Kalender, den ich tatsächlich benutze, zerspringt wie Sand am Meer. Wird jetzt natürlich passieren. Das Gefühl kommt mir bekannt vor, aber es ist sicher nur weil ich eine Bewerbung zum Frühstück aß.

Um am Monument meiner übergroßen Bravheit zu basteln, bekomme ich aber doch Frühstück vom Bäcker und denke mir, dass ich doch irgendwann alt genug sein muss für ein Kaffeeherstellding und eine kleine Bratpfanne für knuspriges, aber innen flüssiges Spiegelei, roten Lippenstift und weiße Haare. Spätestens nach dem nächsten Umzug.

Ich gehe raus, es ist kalt, der Mond als blasse zunehmende Ahnung noch am Himmel und so brav brav brav wie ich bin, werde ich nicht sehr zu spät in die Arbeit kommen, außer, dass ich es aus Trotz provoziere, den Gstettnweg nehme, vorsichtig, damit mir kein einziger Gedankenkrümel aus dem Kopf fällt. Da hat jemand zwei perfekte Bögen auf den Weg gesprayt, die zuerst wie Lichtreflexe aussehen, wie Mondsicheln. Kurz davor ein verblassendes Hakenkreuz, ach meine reizende Nachbarschaft.

Es ist hell und kalt und blau. Ich nehme absichtlich den längsten Weg zur Arbeit, um zu schreiben und google jetzt gleich Volsinii, “eine der bedeutendsten und ältesten Städte des etruskischen Zwölfstädtebundes”. (Zitat Wikipediaartikel) (Weitere Googleergebnisse: Es war übrigens ein Zitat von Peter Rühmkorf, der “Was heißt hier Volsinii? Bewegte Szenen aus dem klassischen Wirtschaftsleben” geschrieben hat. Ich wette, wenn ich es lese, wird alles entzaubert.)

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