#SamaritansRadar ist ein netzfeministisches Problem

[CN Suizid]

Update: Der SamaritansRadar wurde – nach eineinhalb Wochen ununterbrochenem Protest der mental health community, unterstützt von Datenschutzaktivist_innen (bzw. gibt es bei den Gruppen Überschneidungen) endlich abgedreht. Yay. Diese App und die Reaktion der Samaritans hat viele Menschen verunsichert, verletzt, dazu gebracht, ihre Accounts zu schließen oder ganz von Twitter wegzugehen. Die “Entschuldigung” ist kaum eine und die App ist sicher nicht vom Tisch: http://www.samaritans.org/news/samaritans-radar-announcement-friday-7-november (Gut gemacht kann sie ja wirklich hilfreich sein. Mit Einwilligung und opt-in und so.)

Ganz zu Ende ist es noch nicht. Adrian Short fragt, wer für die gesammelten Daten nun verantwortlich ist – die Samaritans sagten, sie seien es nicht, was falsch ist (siehe weiter unten) – und verlangt, dass die Daten gelöscht werden: https://adrianshort.org/samaritans-radar-closed/ Er hofft auch, dass “wir das nicht wieder tun müssen”, aber ich fürchte, doch, denn solche Apps werden nur zunehmen. Die Liste der Twitternamen bzw. Emailadressen der Personen, die die Samaritans kontaktierten, um vom Radar ausgenommen zu werden, sollte auch dringendst gelöscht werden.

Was #SamaritansRadar ist:

tl;dr: https://www.change.org/p/twitter-inc-shut-down-samaritans-radar

https://www.latentexistence.me.uk/samaritans-radar-and-twitters-public-problem/

https://adrianshort.org/samaritans-radar/

http://queercrip.tumblr.com/post/101382367792/a-tool-for-abusers-why-samaritans-radar-is-dangerous

Testbericht: http://queercrip.tumblr.com/post/101960264087/testing-samaritans-radar-false-negatives-and-spam

Samaritans Radar ist ein netzfeministisches, netzpolitisches, netzaktivistisches Problem, besonders für Personen, die auf Twitter bzw. online häufig zu Zielen von Bedrohungen, Belästigungen, Stalking, etc. werden.

Mit dieser App habe ich die Möglichkeit, den psychischen Zustand der Personen, denen ich auf Twitter folge zu überwachen, ohne dass diese das wissen, ohne ihr Einverständnis. Ich bekomme eine Verständigung, wenn sie bestimmte Phrasen oder Worte verwenden. Der Suchalgorithmus kann durch meine aktive Hilfe laufend verbessert werden. (EDIT: Es scheint sich – noch – um eine sehr simple Suche zu handeln: http://queercrip.tumblr.com/post/101960264087/testing-samaritans-radar-false-negatives-and-spam) Die App macht mir Vorschläge, wie ich Menschen, die depressiv oder suizidal sind, helfen kann.

Das heißt, wenn ich Böses im Sinn habe, folge ich einfach mit einem Tarnaccount der Person oder den Personen, die ich stalken möchte oder denen ich schaden möchte und kriege Emailbenachrichtigungen, wann es ihnen besonders schlecht geht. Dann kann ich nachtreten. Arbeitgeber_innen und religiöse Gemeinschaften z.B. freut dieses Wissen sicher auch.

Die einzige Möglichkeit, um Samaritans Radar zu entgehen, ist entweder den @samaritans eine “direct message” auf Twitter zu schicken, was offensichtlich nicht immer klappt, wenn ich ihnen nicht folge – oder ihnen ein Email zu schicken. Dann stehe ich wieder auf einer Liste. Eine Liste, von der ich nicht weiß, wo sie gespeichert wird, wer Zugriff hat, etc., etc., etc. Großartig.

Eine andere Möglichkeit ist, meinen Twitteraccount zu schließen, aber: Im Moment wird getestet, ob Samaritans Radar auch geschlossene Accounts überwacht – die ersten Tests scheinen darauf hinzudeuten. D.h. selbst wenn eine Person, der ich folge, ihren Account geschlossen hat, kann ich sie überwachen! Ohne dass sie es weiß, ohne dass sie eingewilligt hat. Natürlich können mich Personen blocken, wenn sie draufkommen, dass ich sie überwache. Aber es ist auf Twitter sehr leicht, einfach einen neuen Account anzulegen, der Person wieder zu folgen und sie weiter zu überwachen. Ja, selbst wenn die Person einen geschützten Account hat, dann muss ich halt etwas mehr Arbeit in meinen Tarnaccount stecken. Guckt euch mal #yourslipisshowing an – da haben 4chan-Typen über z.T. ein Jahr hinweg Arbeit in Accounts gesteckt, die vorgaben schwarze Aktivistinnen zu sein, um so Feminismus, antirassistische Arbeit, etc. zu diskreditieren.

Jetzt gibt es natürlich jede Menge Menschen, die sagen “Ja, was willst du, Twitter ist halt öffentlich.” Jein. Geschlossene Accounts, die scheinbar auch überwacht werden können – erste Tests haben das ergeben – sind nicht öffentlich. Wenn ich Personen zu einem geschlossenen Account zulasse, heißt das nicht, dass ich zustimme, dass diese Personen ohne mein Wissen und ohne meine Einwilligung meinen psychischen Zustand überwachen.

Als überwachte Person kann ich natürlich auf meine Wortwahl achten, Botschaften als Bilder tweeten, mich selbst zensieren … äh. Erinnert euch das an irgendwas? NSA? GHCQ? Wie nah das “Selbst wenn nur ein Mensch gerettet wird …” am “Selbst wenn nur ein_e Terrorist_in entdeckt wird” bzw. das “Wenn du nicht überwacht werden willst, dann … (halt doch die Klappe, zieh dich zurück, versuch diesen Umweg, verschlüssle, etc. etc. etc.) liegt, ist atemberaubend. Reinste abuser logic. Hallo, ICH WILL NICHT ÜBERWACHT WERDEN!

Hier sind ein paar Blogposts, die das Problem Privatheit/Öffentlichkeit ansprechen:

http://paulbernal.wordpress.com/2014/11/01/samaritans-radar-misunderstanding-privacy-and-publicness/

https://purplepersuasion.wordpress.com/2014/10/30/me-sam-and-his-magical-radar-booth/

https://adrianshort.org/unethical-twitter/

http://publicstrategist.com/2014/11/privacy-in-public/

Weiters, selbst wenn ihr auf dem “Twitter ist öffentlich”-Punkt beharren müsst (fragt euch mal, warum ihr so auf diesem Punkt beharrt, habt ihr schon mal eure Privilegien reflektiert?) – damit die App funktioniert, werden die Tweets gespeichert und wer auf diese Zugriff hat ist auch nicht klar: http://informationrightsandwrongs.com/2014/10/29/samaritans-radar-serious-privacy-concerns-raised/ Wie zynisch da dieses Statement auf der Website der Samaritans klingt: “No records – We don’t pass on what people tell us. Not even the name of someone that calls us. For some, we’re the only place they can turn to without fear of repercussions. For others that might worry about burdening friends or family, we offer a safe place to turn.” http://www.samaritans.org/about-us (Obwohl gesagt werden muss – die Personen, die die Arbeit an den Telefonen leisten haben mit der App nichts zu tun.)

https://adrianshort.org/samaritans-radar-must-close/ : “Samaritans Radar has demonstrated that the Samaritans as an organisation doesn’t have the ethics, the decency, the design skills, the social media skills or even the basic common sense to run a complex and sensitive project such as this.”

Selbst wenn ihr glaubt, dass euch Samaritans Radar nicht betrifft, weil ihr nie auf Englisch tweetet – das ist nur der Anfang. “Gut gemeinte” Überwachung, die den Betroffenen mehr schadet als hilft, wird nur zunehmen: http://www.theguardian.com/voluntary-sector-network/2014/nov/04/samaritans-radar-app-data-privacy?CMP=twt_gu Das ist extrem gefährlich, denn unter dem Deckmantel des “Wir tun doch was Gutes” können die schrecklichsten Dinge legitimiert werden.

Update: Die Samaritans haben nach Tagen der Stille ein neues Statement publiziert, das zum Heulen ist: http://www.samaritans.org/how-we-can-help-you/supporting-someone-online/samaritans-radar-update Besonders zum wütend schreien: “We condemn any behaviour which would constitute bullying or harassment of anyone using social media. If people experience this kind of behaviour as a result of the app or their support for the app, we would encourage them to report this immediately to Twitter, who take this issue very seriously.” – In welcher Parallelwelt leben die, dass sie glauben, Twitter würde Berichte von Bedrohungen, Stalking, etc. ernst nehmen?!

Hier Antworten auf das Statement:

https://adrianshort.org/samaritans-radar-4-nov-statment-response/

http://21stcenturyfix.org.uk/2014/11/an-organisation-wide-cry-for-help-perhaps/

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One thought on “#SamaritansRadar ist ein netzfeministisches Problem

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