The Anime Rainbow: Seirei no Moribito (Guardian of the Sacred Spirit)

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[CN physische Gewalt, Tod, Blut, eine Instanz wo ein Kind eine Ohrfeige kriegt, Höhe]

Ich wollte ja noch warten, bis ich das Rezensieren ein wenig mehr geübt habe, aber ich habe diesen Anime schon so oft empfohlen und jetzt scheint die Empfehlung langsam Runden zu ziehen, also kann ich gleich darüber schreiben. Seirei no Moribito ist einer meiner Lieblingsanime. Ich kann mich selten auf *ein* Lieblingsirgendwas einschränken, aber wenn ich müsste … es wäre dieser Anime. Es fällt mir schwer, adäquat auszudrücken, wie großartig dieser Anime ist, ich hoffe also, dass ihr ihn euch anseht, selbst wenn euch die Rezension nicht anspricht.

Für mich ist Seirei no Moribito einer der wenigen tatsächlich feministischen Anime. Er basiert auf der zwölfteiligen Romanserie “Moribito” von Nahoko Uehashi, von der 9 Bände auf Englisch übersetzt wurden. Leider verkaufte sich die Serie nicht so gut, daher wurde die Übersetzung eingestellt. Der Anime hat 26 Folgen und erzählt die Geschichte des ersten Bandes.

Die Hauptfigur von Seirei no Moribito ist Balsa, eine Speerkämpferin, die als Bodyguard arbeitet. Nach zweijähriger Abwesenheit kehrt sie zurück in die Hauptstadt des Yogo-Reiches, das in vielen Aspekten an ein historisches Japan (aber fragt mich nicht welche Epoche) angelehnt ist. Gleich bei ihrem Eintreffen rettet sie ein Mitglied der königlichen Familie – einen Jungen. Als Dank wird sie in den Palast eingeladen. In der Nacht wird sie von der zweiten Kaiserin, der Mutter des Prinzen, damit beauftragt, das Leben des Prinzen zu beschützen, denn es wurden bereits mehrere Anschläge auf ihn verübt. Balsa hat es sich aus einem wichtigen Grund zur Aufgabe gemacht, acht Leben zu retten und kann deshalb den Auftrag nicht ablehnen. Also ist sie von jetzt an für das Leben des Prinzen Chagum verantwortlich und der muss sich schnellstens an die “wirkliche Welt” außerhalb des Palastes gewöhnen.

In der Welt von Seirei no Moribito gibt es zwei Welten, die der Menschen und die der “Geister” (aber nicht im Sinne von Gespenst), die mit einander interagieren und von einander abhängen. Chagum wird deshalb verfolgt, weil sich in ihm das Ei eines Wassergeistes eingenistet hat und laut dem Gründungsmythos des Yogo-Reiches sind Wassergeister vom Kaiser zu töten. Allerdings gibt es im Yogo-Reich noch andere Mythen – die der ursprünglichen Bevölkerung – und die haben ganz andere Ansichten, was Wassergeister betrifft: Die sind nämlich wichtig für die Wasserversorgung der ganzen Welt. Aber unter welchen Bedingungen schlüpft das Wassergeistei? Das herauszufinden, Chagum dabei vor dem Zugriff des Kaisers und darüber hinaus zu beschützen und den Wassergeist sicher zum Schlüpfen zu bringen wird zur zentralen Motivation.

Balsa wird bei ihrer Aufgabe von vielen Personen unterstützt. Da ist ihr Jugendfreund, der Heiler Tanda, der sich immer um ihre Verletzungen gekümmert hat. Er geht bei der Schamanin Torogai in die Lehre, die mit der Welt der Geister kommuniziert (nein, nicht durch Trance, durch Tauchen). Tooya und Saya, zwei Jugendliche, die Balsa ihr Leben verdanken, unterstützen sie ebenfalls. Tooya ist ein begnadeter Händler und schlägt immer einen guten Deal heraus. Von kaiserlicher Seite gibt es auch eine Vielzahl von Personen, von denen einige Balsa entweder verfolgen oder versuchen herauszufinden, was denn jetzt wirklich los ist mit diesem Wassergeist.

Soweit klingt das simpel und nach einer typischen Fantasystory, aber genau das ist Seirei no Moribito nicht. Balsa ist 30. Ich sage das nochmal: Balsa ist 30. Eine dreißigjährige Hauptfigur, also die Figur, die im Zentrum einer Geschichte steht und deren Perspektive hauptsächlich eingenommen bzw. erzählt wird, ist in Anime so selten, dass mir beim überlegen vielleicht ca. 10 Anime eingefallen sind und selbst auf diese Zahl würde ich nicht schwören. Meine “completed”-Liste umfasst im Moment (etwas bereinigt) ca. 550 Anime und nein, natürlich sind das nicht alle Anime ever, aber es sind doch einige. Also das nur mal als Anfang.

Weiters ist ein Fokus von Seirei no Moribito Balsas Reflexionen über ihre Geschichte, ihren Vater und wie es für ihn gewesen sein muss, sie aufzuziehen – also über Elternschaft, denn mit Übernahme des Auftrags, Chagums Leben zu beschützen, wird sie zu seiner Mutter. Was Elternschaft für Balsa bedeutet und wie sie diese Rolle ausfüllt und welche Rolle_n sie dabei einnimmt, was das für sie bedeutet, das alles wird in Seirei no Moribito erkundet. Es ist selten, dass eine Frau gezeigt wird, die diese Rolle (aus Gründen) nicht einnehmen will. Es ist selten, dass gezeigt wird, dass Elternschaft auch für Frauen ein Lernprozess und eben nicht etwas “Naturgegebenes” ist – den Plot “Krieger muss Kind aufziehen” gibt es viel öfter.

Aber Seirei no Moribito geht noch viel weiter. Es ist so multidimensional, dass ich gar nicht alles beschreiben kann. Es macht sichtbar, was in anderen Serien als “normal” dargestellt und nicht in Frage gestellt wird. Zum Beispiel wird Balsas Aufgabe, 8 Leben zu retten,  kritisch beleuchtet: Wenn sie Menschen tötet, um ein spezifisches Leben zu retten, stellt sie dessen Wert über den Wert der Getöteten. Also kämpft Balsa so, dass sie Kampf zuerst einmal versucht auszuweichen. Wenn es sein muss, verletzt sie Menschen zwar, aber tötet sie nicht. Das ist ein großer Unterschied zu vielen anderen Geschichten.

Seirei no Moribito zeigt auch deutlich Klassenunterschiede, Rassismus, die Konsequenzen von Herrschaftsmythen und herrschaftlicher Geschichtsschreibung, das Machtgefälle zwischen Wissenschaft und “Volksmythen”, ökonomische Hintergründe, die Konsequenzen für die Umwelt haben, was wiederum Konsequenzen für die Interaktion zwischen der Menschenwelt und der Geisterwelt hat, etc. etc. etc. auf. Manchmal nur in Andeutungen, die erst nach wiederholtem Anschauen sichtbar werden und ja, ich habe die Serie wohl schon an die 20mal gesehen. Ich wette, beim neuerlichen Anschauen würde ich wieder neue Details bemerken.

Und Seirei no Moribito zeigt andere Geschlechterrollen. Balsa ist die Kriegerin – nun, kämpfende Frauen sind in Anime keine so große Seltenheit. Aber sie ist nicht nur eine Kampfmaschine, sondern besitzt umfassendes Wissen über eine Vielzahl von Dingen, die für das tägliche und für ihr spezifisches Überleben gebraucht werden – und weit darüber hinaus. Tanda ist der Heiler, der Caregiver, über weite Strecken auch der, der im Haus bleibt, der, der Essen zubereitet. Das ist sehr ungewöhnlich.

Torogai die Schamanin ist schon älter, aber sehr aktiv, körperlich, geistig. Sie isst mit großer Lust und überwintert lieber bei heißen Quellen, als mit Tanda, Balsa und Chagum glückliche Familie zu spielen, denn sie hatte schon eigene Kinder – ja! Das ist keine zölibatäre, asketische, “weise Frau”. So wie auch die Hauptfiguren viele verschiedene Aspekte haben, werden auch die Nebenfiguren in der Regel nicht eindimensional dargestellt. Sie haben Hintergründe, eigene Motivationen, äußere Zwänge, unter denen sie agieren.

Dafür, dass diese Serie so unglaublich voll erscheint – voll Figuren, voll Subtext, voll Plot, ist sie doch von der Erzählgeschwindigkeit überhaupt nicht hastig oder überstürzt. Alles entfaltet sich der Situation entsprechend. Es gibt keine “Filler”, also keine Episoden, die den Plot nicht vorantreiben bzw. den Charakter der Figuren nicht entwickeln – alles hat eine Bedeutung, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, selbst die Musik. Dazu kommt eine großartige Animation und visuelle Gestaltung – gut gezeichnet, flüssige Bewegungen, kein Fanservice, die Computeranimation ist unauffällig (also zumindest für mich), wunderschöne Landschaftsbilder … *hust*, ich glaube ich habe heute noch nichts vor …

Fazit: Ein feministischer Fantasyanime mit einer großartigen Geschichte, großartig umgesetzt.

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