Lieder von der gebutterten Seite des Brotes

Was folgt, ist für Menschen, die die österreichische Twitteria (von mir Twötter genannt) nicht wenigstens am Rande verfolgen ungeheuer kryptisch. Irgendwann werden hoffentlich Historikerinnen* alles entwirren und erklären …

Twötter spielte heute den ersten Akt eines Stücks von Dürrenmatt (oder Karl Kraus, aber den hab ich nie gelesen). Die von mir sehr geschätzten Accounts @LisiMoosmann und @JohannaCzekay sollen “fake” sein (Stockfotos! Pseudonyme! Dings!) – und nach einigen Personen soll hinter beiden oder einem der Accounts die ebenfalls von mir geschätzte @karinkollerwp stecken.

Für mich ergeben sich mehrere Aspekte:

Es scheint unvorstellbar, dass es drei verschiedene, kluge, feministische Frauen gibt, dass diese drei Frauen oft der gleichen Meinung sind und dass sie sich gegenseitig austauschen und unterstützen. Mir ist es egal. Egal, ob die Accounts nun “fake” sind, dass hier Menschen unter Pseudonymen twittern, ob sie in Wirklichkeit älter, jünger sind, anders aussehen, ob sie nicht doch Männer sind, denn kluge Frauen, die unter Pseudonymen twittern, *müssen* eigentlich Männer sein. Ich folge ihnen, weil ich sie klug und spannend finde. Und ich schätze sie, weil sie im Gegensatz zu vielen eine sehr klare Sicht auf Twötter, die österreichische Politik, Wissenschafts- und Medienlandschaft haben.

Falls sie “böse Absichten” hatten (z.B. als Trolle, die sich Fakeaccounts zulegen, um Feministinnen* zu diskreditieren und ihnen zu schaden) – ich persönlich habe solche Verhaltensweisen an ihnen nie beobachtet und sie haben mir auch nie auf nur irgendeine Art und Weise geschadet, nein, sie haben mich immer unterstützt und ermutigt. Sollte tatsächlich nur eine Person hinter allen drei Accounts stecken – eine Meister_innen*leistung. Sollten es drei Personen sein, die jetzt lachend beim Wein zusammenhocken – santé.

Ich hatte immer den Eindruck, Lisi Moosmann, Johanna Czekay und Karin Koller haben kein Eisen im Feuer, d.h. sind in ihrem Broterwerb nicht vom Wohlwollen eben dieser Politik- und Medienlandschaft abhängig. Vielleicht sind Lisi und Johanna es doch und haben deshalb die Anonymität gewählt. Mir egal. Vielleicht haben sie ja sogar Zeitungskolumnen oder Nationalratssitze, Lobbyist_innenposten oder white male privilege – aber ich glaube eher nicht. Jedenfalls gibt ihnen das eine gewisse Freiheit, so frei wie sie als weiße, gesunde, akademisch gebildete, ökonomisch einigermaßen gesicherte, heterosexuelle, cisweiblich Gelesene im Internet sein können.

Twötter fühlt sich schon länger am Ego gekratzt, dass diese Unbekannten das Medien- und Politikgeschehen kommentieren, auf die mangels Chefredaktion, Parteivorstand und/oder bekannter Arbeitsstelle nicht der politische bzw. ökonomische Druck ausgeübt werden kann, der bei namentlich bekannten Personen bereits ausgeübt wurde. Ja, sie kommentieren. Fast täglich. Und zwar ohne den angeblich gebotenen Respekt. Skandal! So kann nicht mit Twötter umgesprungen werden, die zu Twötter gehörenden Personen sind Autoritätspersonen, zu denen besonders Frauen* höflich zu sein haben. So ist’s brav.

Nun ist Twötter böse, dass hier so offen auf seine Verfilzungen, Verflechtungen, Eitelkeiten und problematischen Handlungen bzw. Aussagen aufmerksam gemacht wurde. Und hämisch. Oh, all die Scheinheiligen, die bei Shitstorms gegen andere Frauen so gerne mitmachten oder schwiegen bzw. nachher die Täter_innen und ihre Taten gerne vergaßen oder ihnen großzügig vergaben, sie weiterhin gerne per #ff empfehlen, solange sie nur höflich sind.

Aber Karin, Lisi und Johanna vergaßen die größten Täter_innen nicht und vergaben ihnen auch nicht, sondern legen täglich den Finger auf die Wunde und bohren hinein. Das schmerzt, ich kann es sehen, an der diebischen Freude derer, die nun glauben sie erwischt zu haben. Und da seid ihr noch erstaunt, ja bestürzt, dass sie Pseudonyme verwenden. Es ist halt ein Novum, dass plötzlich zurückgeredet wird, vor zwei, drei Jahren war Twötter anscheinend noch ein illustrer Kreis, der friedlich um sich selbst zirkelte. Dann kamen die bösen (möglichst noch feministischen!) Gfraster und machten alles kaputt.

Nun, Twötter, ich weiß, die Wirtschaft ist beschissen, einige von euch wollen noch Karriere machen, brauchen einen Job oder wollen ihre Anliegen durchsetzen. Ich verstehe das. Die Butter muss aufs Brot und wer das Brot buttert, sagt an. Aber seid euch dessen bewusst. Mir geht es streckenweise nicht anders, aber ich will seit fast 15 Jahren keine Journalistin mehr werden.

Was immer im 2. Akt kommt, Lisi, Karin, Johanna – ich bedanke mich für die bisherige Zeit, eure Solidarität und eure Freundschaft. Falls ihr euch für neue Profile, neue Plattformen entscheidet – ich würde es verstehen und euch arg vermissen. You know where to find me.

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