The Anime Rainbow: Kokurikozaka kara (From Up On Poppy Hill)

Disclaimer Regeln & Ressourcen

[TW Tod eines Elternteils, Höhe, CN ableistische Sprache]

Der dritte Film, der für mich zu Momo e no Tegami und Gake no Ue no Ponyo passt, ist Kokurikozaka kara oder Coquelicot-zaka kara (From Up On Poppy Hill), ebenfalls aus dem Studio Ghibli. Das Screenplay stammt von Miyazaki Hayao, Regie führte allerdings sein Sohn, Miyazaki Goro.

Es ist 1963 und Tokyo bereitet sich auf die Olympischen Spiele vor. Umi – oder Meeru, wie sie von ihren Freund_innen genannt wird, wohnt in Yokohama, geht in die zweite Klasse der Oberstufe und ist ca. 16 Jahre alt. Neben der Schule macht sie einen großen Teil der Hausarbeit in einem Haushalt, der neben ihrer Großmutter und ihren zwei jüngeren Geschwistern noch drei Untermieterinnen* beherbergt. Jeden Morgen stellt sie ein Glas Wasser vor das Bild ihres verstorbenen Vaters und hisst das Flaggensignal, das er ihr (neben vielen anderen) beigebracht hat. Ja – schon wieder ein toter Vater, ein Schiffskapitän (und natürlich heule ich auch bei diesem Film).

An dem Tag ist jedoch in der Schule einiges los – die Schüler, die das alte Haus für ihre Clubs nutzen, veranstalten eine Aufsehen erregende Aktion, um auf den drohenden Abriss des Gebäudes aufmerksam zu machen. Ein Junge springt vom Dach des Hauses, Quartier Latin genannt, in ein kleines Schwimmbecken – und wird von Umi herausgefischt. Geht ein meet cute noch dramatischer? (Ich muss ja zugeben, ich habe eine Schwäche für kreative meet cutes). Richtig, Kokurikozaka kara ist ein Liebesfilm, mit einem Heteropaar. Daneben gibt es noch den Kampf um den Erhalt des alten Clubhauses, aber vor allem geht es um die sich entspinnende Romanze zwischen Umi und Shun, die jedoch recht bald auf ein schwerwiegendes Hindernis trifft.

Aber es ist ein charmanter Liebesfilm, mit interessanten Haupt- und Nebenfiguren. Die Untermieterinnen* in Umis Haus sind u.a. eine Ärztin und eine Malerin, Umis Mutter ist Universitätsprofessorin auf Reisen, Umis Schulfreundin zeigt den Burschen, wie eine Wand richtig verputzt wird – und als Umis Schwester fragt, ob der ältere Bruder des Burschen, für den sie sich interessiert, auch so klug ist, wird sie korrigiert: Es ist eine ältere Schwester, die Astrophysikerin ist.

Umi selbst ist die zentrale Kraft des Films – ihre Ideen, ihre Arbeit, ihr Auftreten sind es, die Klarheit schaffen, Resultate erzielen. Schon allein deswegen hege ich Ungeduldige große Sympathien für sie. Sie will später Ärztin werden. Shun ist attraktiv, enthusiastisch, wagemutig und athletisch – aber sein emotionales Innenleben wird nur in Zügen angedeutet. Heterosexuelle Liebe und das Heiraten wird allerdings sehr betont – Umis Großmutter hofft, dass Umi eine Person (impliziert: eine männliche Person) trifft, die ihr dann über den Verlust ihres Vaters hinweghelfen kann, Heirat wird als default erwartet.

Ein für mich interessanter Aspekt ist die Sichtbarmachung von Arbeit und den dafür benötigten Gegenständen, die für viele Ghiblifilme typisch ist. Umis Arbeit im Haus, die nötig ist, um in Abwesenheit der Mutter für den Lebensunterhalt zu sorgen, die Kochgeräte, Maschinen und die vielen Handgriffe, werden mit Aufmerksamkeit bedacht, die Verortungen und Kontextualisierungen ermöglicht. Wie sieht das Telefon aus? Die Wäsche wird also noch teilweise mit der Hand gewaschen – aber es gibt schon eine Wäschemangel. Gekocht wird mit Gas, der Reis wird mit einem kastenförmigen Holzmaß abgemessen, in den Haushalten gibt es Fernseher. Wie groß ist Umis Haus, wie groß ist Shuns Haus, wo liegen sie? Die Geschichte_n welcher Klasse_n werden hier (und in Ghiblifilmen allgemein) erzählt?

Untermalt wird der Film von japanischer Popmusik aus den 1960ern (bzw. Musik, die danach klingt), vor allem Ue no Muite Aruko, ein fröhlich klingendes Lied mit traurigem Text und – wenn ich Wikipedia in diesem Belang vertrauen darf mit politischem Hintergrund. Die Animation ist geradlinig, mit dem relativ typischen Ghiblilook, aber sehr viel weniger stilisiert bzw. karikierend als in Miyazaki Hayaos Filmen und großteils ohne seine “typischen” Gesichter. Anklänge an seine Filme finden sich jedoch, z.B. im Lachen Shuns bei einer Versammlung (Das Schloss im Himmel, wenn ich mich richtig erinnere, ev. auch Porco Rosso), in den bunten Glasfenstern, blühenden Büschen (Chihiros Reise ins Zauberland) und dem dreckigen Zustand des Quartier Latin (Das wandelnde Schloss).

Ich muss sagen, ich habe eine Schwäche für gute Liebesfilme, auch wenn sie mich meistens traurig machen. Spannende Figuren, ein fantastischer meet cute und ansprechende Animation – für eine Auszeit aus dem echten Leben versenke ich mich da gerne in die Welt von Kokurikozaka kara. Ich hoffe, euch gefällt der Film ebenso.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqmBevor ich mir Kokurikozaka kara zum zweiten Mal ansah, hatte ich ihn deutlich sexistischer in Erinnerung. Ja, da war doch die Universitätsprofessorin als Mutter, die Ärztin und die Malerin, aber Umi war doch bei der Schulzeitung nur für Hilfsdienste zuständig und beim Putzen des Hauses sah ich doch nur Mädchen*. Oder? Beim zweiten Mal sah ich genauer hin: Ja, Umi verfasst keine eigenen Texte für die Schulzeitung, aber es ist ihre Idee, das Quartier Latin zu putzen und zu restaurieren. Sie ist im Film diejenige, die es überhaupt wagt, das Quartier Latin zu betreten, das bis dahin von den Schülern dominiert wird. Unter ihrer Ägide wird es aufgeräumt und renoviert – und die Jungen* sind genauso am Schrubben, Abstauben, Malen, Beschriften, Renovieren beteiligt wie die Mädchen*, ja, die Mädchen* zeigen den Jungen*, wie das richtig gemacht wird (wobei – den Stern könnte ich weglassen, da im Film nicht einmal ansatzweise angedeutet wird, dass es außer Cis- und Heterosexualität noch andere Formen von Geschlecht und  Sexualität gibt).

Eine andere Szene, die komplexer ist, als auf den ersten Blick scheint, ist das Abschiedsessen für Hokuto Miki, die Ärztin, die in Umis Haus wohnt. Der Tisch ist geteilt – an einem Ende sitzen die Männer und Jungen und besprechen die Lage des Quartier Latin, am anderen Ende die Frauen und Mädchen und sprechen über Heirat, Umi serviert. Die Männer, so wie Hokuto Miki ehemalige Schüler der Schule, sind allerdings auf ihre dezidierte Einladung vor Ort, damit sich für Umi, Shun und die anderen Schüler_innen nützliche Verbindungen ergeben. Diese resultieren dann in Baumaterialien für die Renovierung.

Besonders spannend fand ich das – zuvor von mir übersehene – Verhalten des Präsidenten des Schulfonds, der das Sagen über den Abbruch des Quartier Latin hat. Da die Schuldirektion das neu renovierte Gebäude gar nicht ansehen will und auf dem Abriss beharrt, beschließen Shun und sein bester Freund, direkt zum Präsidenten zu gehen – und Umi soll auch mit. Als Shun und sein Freund schließlich ihre Forderungen vortragen können, hört der (grundsätzlich mit Schüler_innen* sympathisierende) Präsident sich diese zwar an, richtet dann aber sein Hauptaugenmerk auf Umi und fragt sie dezidiert nach ihrer Meinung. Und die ist es dann auch, die ihn aufhorchen lässt. Zwar fragt er sie auch nach ihrem Vater und nicht nach ihrer Mutter, aber die Frage nach Umis Meinung kommt zuerst. Auch als der Präsident dann das Quartier Latin besucht, gilt seine besondere Bestätigung Umi.

Warum betone ich das so? Weil es leider selten genug ist, dass die Heldinnen* in Anime direkt sagen, was sie fühlen, denken, wollen (gilt als peinlich bzw. unweiblich bzw. unhöflich), selten genug ist, dass es ihre Ideen, Pläne, Aktionen sind, die die Geschichte vorantreiben bzw. die Lösung bringen, selten genug, dass sie ernst genommen und bestätigt werden.

Auch interessant für mich ist die Solidarität zwischen den Schüler_innen*, wobei ich mich hier frage, wie idealisiert diese wohl ist. Zu Beginn des Films sind nicht alle Schüler* für den Erhalt des Quartier Latins – und die Schülerinnen* sind de facto von der Benutzung ausgeschlossen und interessieren sich daher nicht so sehr dafür. Bei einer Debatte zu Beginn des Films gibt es dann heftige Streitereien, doch als Lehrer* kommen, tun alle gemeinsam so als ob nichts wäre. Durch die Kampagne der Schulzeitung und des Kommitees wird die Schüler_innen*schaft politisiert und die Arbeit am Gebäude schafft Identifikation damit.

Der Film basiert auf einem Manga, mit gravierenden Differenzen, wie ich in diesem Blogpost (keine Spoiler, aber etwas verächtlicher Ton über Shoujomanga) las, über den ich heute stolperte, als ich Informationen über den Manga suchte. Die Handlung des Manga spielt, so der Blogpost, in den 80ern und der Protest (im Manga gegen Schuluniformen) ist ein Stratagem, um mehr Schulzeitungen zu verkaufen. In Kokurikozaka kara ist der Protest der Schüler_innen* ernst gemeint.

Ob durch die Versetzung in die frühen 60er genauso eine Entpolitisierung stattfindet, wie im Blogpost behauptet wird, darauf würde ich mich jetzt nicht festlegen – Proteste an den japanischen Universitäten gab es nämlich schon vor 1968 und ich hoffe, dass sich die Schüler_innen, die schon einen Erfolg gemeinsamer Arbeit und Organisation erleben konnten, auch an der Universität für ihre Rechte einsetzen würden/werden (aber sie sind ja fiktional). Weitere politische Anklänge, was z.B. das Ende des 2. Weltkriegs und Aspekte der Rolle Japans im Koreakrieg angeht sind z.B. dieser Sektion auf Wikipedia zu entnehmen. Langsam spiele ich echt mit dem Gedanken, zurück an die Uni zu gehen und die Geschichte Japans von Grund auf zu studieren … *seufz*

Für mich ist daher auch die Szene, in der der Präsident des Schulfonds im Quartier Latin empfangen wird, nicht ohne Spannungen – zwar singen alle brav ein Lied, aber wenn die Übersetzung des Liedtextes stimmt, singen die Schüler_innen* davon, dass sie zusammenhalten werden, auch wenn die Welt untergeht. Nun kann in verschiedene Richtungen argumentiert und interpretiert werden, aber ein Haus voller Schüler_innen*, die ihre demonstrieren, dass sie auf Worte Taten folgen lassen und subtil unterstreichen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen werden – da ist es um einiges einfacher, nachzugeben und weiteren Protesten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die endgültige Aussage des Films, zumindest im Hinblick auf das Quartier Latin – “Das Alte beim Gang in die Zukunft nicht komplett aufgeben” – ist eine der oft vermittelten Botschaften von Filmen aus dem Studio Ghibli, nicht nur denen von Miyazaki Hayao. Wie diese Botschaft mit der Realität Japans zusammenpasst, nun, das ist auch so eine Frage …

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s