The Anime Rainbow: Momo e no Tegami (A Letter to Momo)

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[TW Tod eines Elternteils, Springen aus großer Höhe, CN Übergriffigkeit, ableistische Sprache]

Vor Kurzem sah ich mir drei Animefilme nacheinander an und fand, dass sie alle zusammenpassten, denn das Meer spielte in allen dreien eine Rolle. Alle drei lösen auch ein gewisses sommerliches Gefühl aus, auch wenn die typischen japanischen Hochsommerattribute (Sonnenblumen, Zikaden) nicht groß in Erscheinen treten. Momo e no Tegami ist der erste der drei Filme, die ich euch vorstellen möchte.

Miaura Momo, die Protagonistin* zieht mit ihrer Mutter Ikuko nach Shiojima (jima = Insel), eine fiktionelle Insel in der Seto-Inlandsee zu den Großeltern. Die Begeisterung steht ihr richtig ins Gesicht geschrieben – eine neue Umgebung, lauter fremde Menschen, ein altes Haus. Erst nach einiger Zeit erfahren wir schließlich, dass Momos Vater gestorben ist – und dass sie sich vor seinem Tod mit ihm gestritten hat. Nun hat sie einen Brief von ihm, in dem nur “Liebe Momo” steht und große Schuldgefühle.

Ikuko dagegen scheint bemüht, sich rasch einzuleben und beginnt eine Ausbildung zur Pflegerin. Da die Schule noch nicht begonnen hat, ist Momo oft alleine und muss auf den Telefonanschluss und Pakete warten. Dabei findet sie ein altes Buch mit Abbildungen von Youkai (japanische Fabel/Geisterwesen, die kommen in vielen Anime vor) und beobachtet seitdem immer sonderbarere Geschehnisse, merkwürdige Geräusche und Schatten, die beginnen, sie und Ikuko zu verfolgen. Schließlich nehmen die Youkai Gestalt an – drei als männlich lesbare Figuren, die Momo in allerlei Schwierigkeiten verwickeln. Gleichzeitig versucht Momo langsam Freund_innenschaften vor Ort zu knüpfen, die Insel zu erkunden und herauszufinden, was ihr Vater denn in dem Brief schreiben wollte.

Also ich muss bei dem Film jedes Mal sehr heulen (kein Wunder). Trotzdem sehe ich ihn mir manchmal gerne an. Trotz der fantastischen Figuren geht es auch um die Beziehung zwischen Momo und Ikuko – selten genug in Anime, wo es schon ein Wunder ist, wenn Eltern überhaupt präsent sind (grob geschätzt haben mindestens die Hälfte aller Hauptprotagonist_innen in Anime aus verschiedensten Gründen keine Eltern oder diese sind nicht präsent). Auch dass Ikuko als eigenständige Person dargestellt wird – mit Emotionen, gesundheitlichen Problemen und Beruf – ist selten genug.

Momo ist sehr eigenständig, manchmal etwas schüchtern, aber sehr bestimmt, so in diesem Alter zwischen zehn und dreizehn, zwischen Anhänglichkeit und Ablösung – und der Tod ihres Vaters ist eine schwere Bürde für sie. Durch die Erlebnisse mit den drei Youkai, aber auch mit den Kindern des Ortes beginnt sie, ihren neuen Lebensort mit allen Sinnen zu erkunden und neue Verbindungen zu knüpfen. Und endlich gibt es einmal keine Liebesgeschichte – sondern es geht um das emotionale Verhältnis zwischen Eltern und Kindern.

Farblich ist der Film vom Blau des Meeres und des Himmels, dem Grün der Hügel und dem Grau der alten Häuser bestimmt – es ist wirklich schwer, sich dem sommerlichen Eindruck zu entziehen. Es ist die Gelegenheit, einen anderen Teil von Japan zu sehen (die allermeisten Anime spielen in Tokyo): Auf der fiktionellen Insel sind die Hügel im Terassenbau mit Mandarinenbäumen bepflanzt, es gibt Zitronenyokan und das Meer mit vielen kleinen Inseln.

Der Soundtrack ist angenehm, aber nicht besonders einprägsam. Bei der Animation ist der Computeranteil für meinen Geschmack teilweise etwas zu deutlich zu sehen, vor allem bei den Außenansichten der Häuser oder der Fähre, aber trotzdem ist er nicht störend. Vor allem der emotionale Ausdruck der Charaktere ist sehr sorgsam gestaltet und das ist das Besondere an diesem Film. Durch die eher feinen Linien ergibt sich ein realistischerer Ausdruck für die meisten Charaktere.

Beim nochmaligen Ansehen entpuppt sich für mich auch das Verhalten eben dieser drei Youkai als etwas problematisch, weil grenzverletzend. Möglicherweise lese ich hier aber zu viel hinein und kulturelle Codes nicht richtig. Ich habe in anderen Anime schon viel Schlimmeres gesehen und nehme an, die Intention ist einerseits ein lustiger Effekt und andererseits, Momo aus ihrer Trauerkomfortzone zu bringen. Trotzdem die [CN] oben. (Mehr dazu in der Spoilerpassage.)

Ich mag Momo e no Tegami. Okiura Hiroyuki, der Regisseur, hat sieben Jahre für diesen Film gebraucht. Sein letzter, Jin-Roh (auch den werde ich euch vorstellen), ist Momo e no Tegami fast diametral entgegengesetzt und auch sonst sind die Filme und Serien, an denen er mitgearbeitet hat eher im dystopischen Science Fiction-Bereich anzusiedeln. Aber Momo e no Tegami ist genauso komplex, mit fein gezeichneten Figuren – und das sommerliche Gefühl, die fantastischen Elemente und das Wechseln zwischen ernsten und haarsträubenden Sequenzen umgeben meistervoll eine (mir) nahegehende Geschichte über Tod und Trauer.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqmBesonders schätze ich an Momo e no Tegami den allerersten Teil, wo noch nicht klar ist, warum Momo eigentlich so wenig begeistert vom Umzug ist. Beim nochmaligen Anschauen gewinnen kleine Details an Bedeutung und die lange Unklarheit verstärkt den emotionalen Aspekt – es ist für mich trotzdem jedes Mal ein Schock, wenn klar wird, dass Momos Vater gestorben ist. Danach geht der Film eigentlich eher konventionell weiter – Konflikte, Notfall, Rettung, Konfliktlösung, Katharsis – aber die Interaktionen zwischen den Figuren machen ihn spannend.

Ein Beispiel dafür ist das Verhältnis zwischen Ikuko und ihren Eltern. Am Anfang ist es so distanziert, dass ich mich fragte, ob es ihre Eltern oder ihre Großeltern sind – oder ob sie überhaupt verwandt sind. Erst spät im Film, als Ikuko einen Asthmaanfall hat, kommt ihre Mutter ihr körperlich nahe, streichelt ihren Rücken, um sie zu beruhigen. Für mich zeigt das, dass Ikuko alle Kraft braucht, um weiterzumachen und eine Berührung wohl ihre ganzen Bemühungen zunichte machen würde.

Viele Elemente erinnern mich stark an Filme von Miyazaki Hayao, darum fühlt sich der Film wohl auch so vertraut für mich an. Es gibt Wildschweine und Kodama wie in Prinzessin Mononoke, am Ende tun sich alle Youkai, die auf der Insel wohnen zusammen, um Momo vor Wind und Regen zu beschützen – irgendwie kommen da starke Erinnerungen an den Katzenbus aus Mein Nachbar Totoro auf. In Mein Nachbar Totoro hat die Mutter eine ungenannte Krankheit (wahrscheinlich Tuberkulose) – Ikuko leidet an Asthma, das lange nicht mehr auftrat, aber durch die Trauer und den Stress wieder akut wird.

Etwas, das ich an Miyazakis Filmen schätze, kommt hier aber nur in verkürzter und abgewandelter Form vor: Fast völlig stille Szenen, ja fast Stillleben, in denen Blumen oder Tiere oder auch nur die Raumeinrichtung im Vordergrund steht. In Momo e no Tegami gibt es zwar solche Szenen, aber sie sind sehr kurz bzw. enthalten sie die sich bewegenden Hauptfiguren oder andere sich schnell bewegende Elemente. Es kommt also keine Ruhe in den Film, der Szenenwechsel ist schnell, wenn auch nicht hektisch.

So wie in Mein Nachbar Totoro, die Totorofiguren (groß, mittel, klein) den Vater und die zwei Mädchen wiederspiegeln, sind die drei Youkaifiguren auch als Spiegelungen von Momos Familie vor dem Tod des Vaters denkbar. Die drei Youkai sind auch als Momos innere Impulse interpretierbar. Das kleinste Wesen folgt ihrer Mutter zur Arbeit, während Momo sich alleingelassen fühlt. Das mittlere Wesen klaut den Handspiegel der Mutter. Und das größte Wesen ist jenes, das die Verbindung zwischen Momo und ihrem Vater herstellt und sich auch am stärksten um sie kümmert.

Weiter oben habe ich ja die problematische Übergriffigkeit der Youkai-Figuren angesprochen. Ich finde allerdings das Spannungsverhältnis Grobheit (fart jokes meh) – Trauer interessant, da dadurch der Film nicht völlig ins Traurige und dadurch Spirituelle oder nach Innen gekehrte tritt. Durch die Interaktion mit den Youkai interagiert Momo auch mit ihrer Umwelt, sie rennt durch den Ort, sie erklimmt Hügel, sie wird ins Wasser gestoßen, alles sehr körperlich, als wollten sie Momo an die diesseitige Welt knüpfen. Der Sprung ins Wasser von der Brücke, den sich Momo lange nicht zutraut, erinnert mich stark an letzten Sommer, in dem ich Wasserkontakt absolut genoss und als sehr erneuernd empfand.

Jedenfalls entdecke ich beim Anschauen jedes Mal etwas Neues … und das macht einen guten Film für mich aus.

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2 thoughts on “The Anime Rainbow: Momo e no Tegami (A Letter to Momo)

  1. Ich mag deine Rezensio und empfinde Vieles gleich. (: Was ich jedoch absolut nicht nachvollziehen kann sind die dauernden Vergleiche mit Ghibli. Ghiblifilme sind wunderbar, auch wenn ich nicht alle mag, da die Story mich teilweise einfach nicht packt. Aber Ghibli ist nunmal nicht das Ultimatum. ;) Ich denke, man sollte auch anderen Mustern und Strukturen, die einen Film aufbauen eine Chance geben, auch wenn sie nicht aus Miyazakis Feder stammen. (:
    Ich denke ich werde – so wie du – viel mehr Details beim nochmaligen Anschauen entdecken! Da freue ich mich schon drauf.

    Liebe Grüße!

    • Freut mich, dass sie dir gefallen hat. :)
      Ich sehe Ghiblifilme als eine der großen Einflüsse in Anime, die auch immer wieder zitiert oder auch nachgeahmt werden (es gibt auch noch andere). Da ich viele davon schon fast auswendig kenne, sind sie auch mein eigenes Referenzsystem – besonders bei pastelligen Filmen mit weiblichen Hauptfiguren, in denen japanische Geisterwesen eine Rolle spielen. ;) Aber keine Sorge, wenn ich dann Anime aus den 70ern & 80ern bespreche, werde ich von Disneys Fantasia erzählen. ;)

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