The Anime Rainbow: Juuni Kokuki (The Twelve Kingdoms)

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[TW physical, mental, emotional abuse, Suizid, Gewalt, Krieg, Tod, Tote, CN  Sexismus, Ageismus, Feudalismus, ableistische Sprache]

Mit welchem Anime beginne ich? Mit einem alten oder einem neuen? Einem, der mir sehr am Herzen liegt oder eher einem, bei dem ich etwas weniger überschwänglich berichten kann? Soll ich alphabetisch oder thematisch vorgehen? Die Auswahl schien schier unmöglich, aber dann beim Stöbern purzelte ich über Juuni Kokuki, verlässlicher Favorit. Also los.

Juuni Kokuki basiert auf einer Buchserie von Ono Fuyumi, die teilweise auch auf Deutsch übersetzt wurde. Ich habe sie allerdings noch nicht gelesen. Der Anime hat 45 Folgen, die in vier unterschiedlich lange Teile unterteilt sind. Recap-Episoden, also Zusammenfassungen, sind die Episoden 14, 21 und 45.

Youko möchte doch nur ein braves Mädchen sein. Stattdessen fühlt sie sich fremd und eckt überall an. Ihre rötlichen Haare führen zum Konflikt zuhause und in der Schule, dabei sind sie nicht gefärbt (gefärbte Haare sind im Allgemeinen gegen die Schulregeln und sind mit Bereitschaft zu weiteren Regelverstößen, Gewalt und Kriminalität konnotiert). Sie ist Klassensprecherin, aber beliebt ist sie nicht und wirkliche Freund_innen* hat sie auch keine. Nur ihr Freund aus Kindertagen, Asano, steht ihr bei. Der interessiert sich aber eher für Yuka, ebenfalls eine Außenseiterin, die am liebsten Fantasybücher liest.

Eines Tages steht plötzlich ein junger Mann mit langen blonden Haaren vor Youko, mitten im Klassenzimmer. Er geht auf sie zu, kniet nieder und schwört, dass er den Posten vor ihrem Thron nie verlassen wird. Youko akzeptiert unwillig, da sie gewohnt ist auf Druck nachzugeben – dann zersplittern alle Fenster und die Klasse wird verwüstet. Nach der Flucht aufs Dach muss Youko gegen Monster kämpfen und wird schließlich mit Asano und Yuka durch ein Portal in eine andere Welt gebracht.

In dieser komplett fremden Welt müssen sich die drei erst einmal zurechtfinden, dabei werden sie festgenommen, verfolgt, angegriffen, verletzt, voneinander getrennt. Alle drei müssen ihre eigene Reise durchmachen, vor allem Youko. Geplagt von Visionen, auf sich allein gestellt, verliert sie langsam ihr Vertrauen in andere und entdeckt ihre dunklen Seiten. Schließlich entdeckt sie auch ihre innere Stärke – aber wird sie sich auch entscheiden, ihrem Auftrag zu folgen und Königin zu werden? Und wie geht es danach weiter?

Klingt nicht besonders originell? Richtig, die Geschichte von der plötzlichen Reise in ein anderes Land ist alt. Was die Qualität von Juuni Kokuki ausmacht ist die Umsetzung und die Charakterisierung. Hier gibt es kein ultimatives magisches Böse, das bekämpft werden muss, Youkos Auftrag ist, eine gute Königin zu werden. Dabei lässt sich Juuni Kokuki Zeit. Charaktere, die in anderen Anime ohne nähere Erklärungen oder mit einer sehr kurzen Hintergrundgeschichte plötzlich zur Heldin gestoßen wären und ihr nur um die Handlung zu befördern aus unerfindlichen Gründen aus persönlicher Sympathie verbunden wären, bekommen in Juuni Kokuki genug Raum und Zeit für eigene Entwicklungen, mit ausgedehnten Hintergründen und eigenen Fragen und Problemen bekommen.

In den Grenzen der quasi-historischen, feudalen Fantasiewelt der zwölf König_innenreiche gibt es zwar Gött_innen und Magie, die Serie ist allerdings sehr realitätsbezogen und genau das und die spannende Handlung macht sie so faszinierend. Es geht um Landwirtschaft, bürokratische Verwaltung, Bildung (und Bildungsbarrieren), Arbeit, Bewegungsfreiheit, Armut, Flucht, Gesundheit, Not, Krieg, politische Intrigen, Tyrannei, Widerstand. Daher auch die Triggerwarnungen, denn obwohl wenig Blut gezeigt wird und die Serie Gewalt und ihre Folgen nicht zelebriert, werden sie doch gezeigt.

In Juuni Kokuki kommen Königinnen*, Ministerinnen*, hohe Beamtinnen* und sogar ein weiblicher* General vor und ihr Anspruch auf ihre Position und Macht sowie ihre Fähigkeiten werden nicht allgemein angezweifelt. Soldatinnen* gibt es aber zumindest auf den ersten Blick keine und die meisten Charaktere in Machtpositionen. z.B. Provinzgouverneure sind doch von Männern* besetzt. Die weiblichen* Charaktere sind allerdings eigenständige Individuen, auch brutal, gemein, gewalttätig, wütend, schüchtern, störrisch, eitel, verzweifelt, etc. etc. sein, anstatt immer nur “nett”.

Später wird Youkos Geschichte von anderen Geschichten mit männlichen* Hauptfiguren unterbrochen, die aber in die Rahmenhandlung eingebettet sind. Der Fokus liegt nicht auf den charakterlichen Entwicklungen der männlichen* Charaktere, ihr Innenleben wird weniger gezeigt – sie sind hier die “supporting” Charaktere, deren Handlungen und Erzählungen der Entwicklungen der Frauen* dienen. Dabei wird dieser Anime als Seinen – also für Männer* ab 16/18 – definiert. Leider ist die Serie auch sehr heteronormativ, obwohl die Umstände in der Welt der zwölf König_innenreiche eigentlich Raum für alle Geschlechter und Beziehungen offen lassen würden. Gleichzeitig gibt es aber, soweit ich mich erinnere, keinen offenen Hetero- oder Cissexismus.

Was die Gestaltung angeht: Die Animation ist gut und flüssig, das Characterdesign ist für Anime eher naturalistisch (also keine übermäßig langen Arme und Beine, keine besonders großen Augen) und im großen und ganzen haben auch die weiblichen* Charaktere individuelle Gesichter (nein, das ist nicht immer so). Die Farben sind eher gedeckt als leuchtend – visuell spannend ist eher die Welt ansich. Die Musik in der OP-Sequenz finde ich auch cool, ansonsten fällt der Soundtrack nicht besonders auf.

Was ich an Juuni Kokuki mag: Statt ruckzuck durch Magie und Abkürzungen zur glorreichen Königin zu werden, entwickelt sich Youko über die Zeit hinweg und kommt graduell zu ihren eigenen Entscheidungen. So geht es vielen Charakteren, vor allem den weiblichen*. Auch die “bösen” Charaktere haben ihre eigenen Motivationen. Anstatt ein magisches Abenteuer mit humoristischen Einschlägen zu sein (die mag ich auch!), ist die Serie ernst und handfest, dabei spannend und dramatisch. Die Fantasiewelt ist (bis zu einem gewissen Grad) durchdacht und fantastisch ausgestattet – und ich sehe sie mir gerne wieder an.

SPOILER – ACHTUNG SPOILER

b8fqm

Hier also noch ein paar Details und Gedanken zu Juuni Kokuki.

Zur Kosmologie von Juuni Kokuki: In der Welt der zwölf König_innenreiche Gött_innen und eine Hauptgottheit (ich erinnere mich gerade nicht an den Namen), die die Welt und alles in ihr, sowie alle Regeln geschaffen hat. Die König_innen werden durch diese Gottheit bestimmt und durch die “Kirin” – Einhörner, die sich auch in Menschen verwandeln können – ausgesucht (sie “spüren das einfach”). Jedes Reich hat idealerweise eine_n Kirin und eine_n König_in, die sich gegenseitig ergänzen und unterstützen.

Es ist allerdings schwer, die König_innenwürde abzulehnen, denn dann würde die_der Kirin krank werden und sterben und die_der König_in auch. Ein Reich ohne König_in oder mit eine_r_m tyrannischen König_in verwandelt sich noch dazu in eine von Naturkatastrophen geplagte Einöde, in der Monster umherziehen und die Menschen anfallen. Je besser ein König_innenreich regiert wird, desto besser geht es der Bevölkerung – und das ist das Ziel. Eigentlich haftet also die_der König_in mit dem eigenen Leben für das Wohl der Bevölkerung – leider geht das aber nicht per Blitzschlag, sondern zuerst müssen eine Menge Menschen sterben. Andererseits gibt es in einem besonders schlimmen Fall einen Umsturz, der von der allmächtigen Gottheit nicht bestraft wird.

Von daher ist aber die Wahl, vor die Youko gestellt wird – Königin werden oder sterben bzw. die Menschen in ihrem Reich sterben lassen – eine unfaire. Abdanken ist auch eine Option, aber dann würde ihr Reich weiter vor sich hin verwüsten und noch mehr Menschen sterben. Aber mit ihren Zweifeln scheint Youko eine Ausnahme zu sein – die meisten Menschen freuen sich darüber, gewählt zu werden bzw. versuchen sie auch die König_innenwürde mit Tricks zu erreichen (klappt nicht, weil Magie). Andererseits gibt es auch Menschen, die an diesen göttlichen Fügungen zweifeln und sich dagegen stemmen. Dadurch, dass die Serie ein Ende hat, bleiben etliche Fragen ungelöst. Für mich machen diese ungelösten Fragen auch einen Reiz aus.

Ein anderer theoretisch spannender Aspekt ist, wie die Fortpflanzung in der Welt der zwölf König_innenreiche geschieht: Dort wachsen Kinder auf Bäumen, in eiförmigen Kapseln. Auch alle anderen Lebewesen, Tiere und Pflanzen, wachsen in solchen Kapseln auf Bäumen. Ich frage mich ja, wie das mit Mikroben, Bakterien, Insekten usw. ist, aber da hört dann die Realitätsnähe auf. Jedenfalls muss eine Person, um ein Kind zu bekommen (im Anime ist es eben ein Heteropaar) an den Ast eines Baumes, der Kinder trägt, ein selbstgewebtes Band binden und wenn der Wunsch in Erfüllung geht, wächst an der Stelle eine Kapsel. Beim Weben des Bandes denkt die Person/das Paar fest an das Kind das sie sich wünsch_t_en.

Also ist Sex rein fakultativ, es braucht keine Verhütung und alle Menschen, die sich das wünschen könnten ein Kind bekommen. Theoretisch. Sex wird fast gänzlich ausgespart, eher wird noch Verliebtheit gezeigt oder angedeutet, aber auch die steht absolut nicht im Vordergrund. Offen lesbische, schwule, bisexuelle, queere oder Trans*personen und ihr Leben werden nicht gezeigt, leider. Das hat wohl mit der cisheteronormativen Gesellschaft und dem angenommenen Zielpublikum – eben Cisheteromänner – zu tun.

Das klingt jetzt vielleicht nicht so positiv. Aber ich mag Juuni Kokuki, denn es gibt so eine große Bandbreite an Rollen. Sehr spannend finde ich das Verhältnis zwischen Youko und Yuka. Youko möchte am liebsten wieder nachhause und fühlt sich absolut nicht zur Königin berufen. Es ist eigentlich die Wahl “Tod oder Leben” bzw. auch das Bestärken und Zureden der Personen, mit denen sie in Juuni Kokuki Freund_innenschaft bzw. Bekanntschaft schließt, die sie schließlich dazu bringen, Königin zu werden. Yuka hingegen, die ja gerne Fantasybücher liest, ist anfangs überglücklich in einer anderen Welt zu sein, da sie sich das immer gewünscht hat. Für sie ist es ihre Heldinnengeschichte, die sich aber nicht so entwickelt, wie sie sich das vorgestellt hat.

Nach ihrer Krönung hat Youko Probleme mit ihren Beamt_innen, die sie wegen ihrer Jugend und ihrer Herkunft aus Japan nicht für voll nehmen. Sie taucht unter und besucht in einem Dorf die Schule bei einem berühmten Lehrer (aber das weiß sie vorher nicht). Die Provinz, in der das Dorf ist, wird von einem brutalen, ausbeuterischen Gouverneur regiert den Youko selbst eingesetzt hat, aus Unwissenheit und weil sie ihre alten Gewohnheiten eben nicht ruckzuck ablegen kann. Als Youko das bemerkt, schließt sie sich der Widerstandsbewegung an und trifft dort auf Suzu und Shoukei, zwei Mädchen*, die im gleichen Alter wie Youko sind (mehr oder weniger). Diese sind aus ganz anderen König_innenreichen aufgebrochen, mit unterschiedlichen Motivationen, um Youko zu treffen. Auch sie machen auf ihren Reisen Entwicklungen durch – und werden am Ende Youkos Freundinnen* und Unterstützerinnen* an ihrem Hof, was cool ist, denn der ist eben etwas zu männerdominiert. Also geht es auch um das Knüpfen neuer Netzwerke.

Weiter oben habe ich ja schon angemerkt, dass sich die Kirin in Menschen verwandeln können. Es gibt noch mehr solche Personen, Hankyou genannt, die zum Teil Diskriminierungen erleben, nicht zur Schule und Universität gehen dürfen, offiziell nicht arbeiten dürfen. Das wird in jedem Reich unterschiedlich gehandhabt. Youkos schließt Freund_innenschaft mit Rakushun, einem Hankyou, der in seiner Tierform aussieht wie ein Riesensiebenschläfer.

Ebenfalls in manchen König_innenreichen von Diskriminierungen betroffen sind Menschen, die aus Japan (und eventuell auch China, aber die treten nie in Erscheinung) durch Portale in die Welt der zwölf König_innenreiche kommen. Da die Sprache der König_innenreiche eine andere ist, müssen sie diese erst erlernen, was nicht immer gelingt. Youko, Yuka und Asano treffen zu verschiedenen Zeiten (und nicht alle gemeinsam) auf Menschen aus verschiedenen Zeitperioden. Suzu, die Youkos Freundin wird, stammt aus dem Japan des frühen 20. Jahrhunderts – sie wird von ihren Eltern verkauft und auf dem Weg in die Stadt durch ein Portal gerissen. Ein Soldat aus dem 2. Weltkrieg ist auch in einem der König_innenreiche gelandet und hat noch nicht von der japanischen Niederlage gehört.

Besonders spannend finde ich die dritte japanische Person, auf die Youko und Yuka zu unterschiedlichen Zeiten treffen, ein nunmehriger Lehrer, der bei den Studierendenunruhen der späten 1960er unter einer Barrikade durchkrabbelte und dabei in der anderen Welt landete. Die Studierendenunruhen werden selten, aber doch in Anime erwähnt, auf verschiedene Art und Weise, aber worum es eigentlich ging und was damals geschah, wird nie explizit erklärt. Ich frage mich, was ihr Vorkommen bedeutet (manchmal positiv, manchmal negativ – kann das reine Erwähntwerden aber neutral sein?) und was es über die Autor_innen aussagt, die sie erwähnen.

Ich habe noch viele andere Gedanken zu dieser Serie, aber ich hör jetzt auf, weil schon wieder so lang! (Vielleicht dann in den Kommentaren.)

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