Frauen schreiben Textilgeschichte: Fanny Bury Palliser

Irgendwo da draußen müssen sie sein, die Bücher und Pamphlete und versteckten Artikel über Aspekte der Textilgeschichte, unentdeckt von der Mainstreamgeschichte der Kriege und Könige. Gestern stieß ich auf diesen Tweet:

Der Tweet führte zum Blog der Spezialsammlungen der schottischen St. Andrews University, in dem in einer Serie “52 weeks of historical how-to’s”, also 52 Wochen lang historische Anleitungen für alle möglichen Tätigkeiten vorgestellt werden. In dem Post ging es um Spitze, Klöppelspitze um genau zu sein und um ein Buch:

Finally among the Rare Books collections I discovered a 2nd edition of “A History of Lace” by Mrs Bury Pallister.  This book covers the development of lace from earliest times up to the late 19th century when the book was first published – it covers the major lace producing areas in Europe and the lace produced in each area. The book is a landmark volume in the description of lace history and has recently been republished as original copies become hard to find.

Übersetzung: Endlich fand ich in der Rarasammlung (Sammlung besonders wertvoller/seltener Bücher) eine zweite Ausgabe von “A History of Lace” (Eine Geschichte der Spitze) von Mrs Bury Pallister. Dieses Buch beschreibt die Entwicklung der Spitze aus ihren frühesten Zeiten bis ins späte 19. Jahrhundert, dem Zeitpunkt an dem das Buch publiziert wurde – es beschreibt die größten Spitzenproduktionsregionen in Europa und die Spitze, die in jedem Gebiet gefertigt wird. Das Buch ist ein grundlegendes Werk in der Geschichtsschreibung über Spitze und wurde kürzlich neu herausgebracht, da die alten Ausgaben immer schwieriger zu finden sind.

Fanny Bury Palliser (ich habe nämlich ihren Vornamen ergooglet und sie hat sogar einen, wenn auch dürftigen, Wikipediaeintrag) schrieb also Ende 19. Jahrhundert ein Buch zur Geschichte der Spitzenfertigung, das als Standardwerk gelten kann. Was für eine Arbeit das gewesen sein muss! Sie war Historikerin, Übersetzerin, schrieb Artikel für Journale und hatte dabei sechs Kinder. Wie wohl ihr Leben aussah? Hatte sie Kinderbetreuung, war sie wohlhabend? Leider gibt es keine Biographie über sie. Aber wenn es so ein Buch über Spitze gibt, vielleicht gibt es dann auch eines oder mehrere Bücher über das Stricken oder Häkeln irgendwo in einer finsteren Bibliotheksecke?

Anhand dieses Buches lässt sich gut nachvollziehen, wo in Europa überall Spitze gefertigt wurde. Das ist wichtig, denn anzunehmen ist (anzunehmen! Die historische Realität kann auch eine andere sein.), dass vor allem Mädchen und Frauen (das eine Foto in dem Blogpost zeigt italienische Mädchen) Spitze fertigten und so ihren Lebenserhalt und ev. den ihrer Familie sicherten. Wo gearbeitet wird – und besonders wo in Gruppen gearbeitet wird, entsteht Arbeitskultur, gibt es besondere Werkzeuge, Traditionen, Geschichten, Lieder.

Fragen kommen auf: Wann begann eine Region sich auf die Herstellung von Spitze zu spezialisieren und was für Auswirkungen hatte das auf die Region? Wann hörte die Spezialisierung auf? Hörte sie überhaupt auf oder wurde sie fortgesetzt? Mit oder ohne maschinelle Unterstützung? Ab welchem Alter wurde mit der Fertigung von Spitze begonnen? Wie kamen die Menschen zu den Rohmaterialien, mussten sie den Faden selbst herstellen, konnten sie das Garn kaufen, war es ein Verlagssystem? Verkauften sie ihre Waren direkt, an Zwischen- oder Großhändler_innen? Wie wurden die Produzent_innen* bezahlt? Gab es ein Trucksystem oder bekamen sie Geld? Wie lange mussten sie arbeiten? Gab es eine organisierte Ausbildung?

Nein, das Buch wird diese Fragen nicht alle beantworten können, aber es bietet wohl erste Anhaltspunkte, wo welche Fertigung stattfand – und natürlich auch, wie die Spitze dort aussah, wichtig also, falls ein Stück Spitze identifiziert werden muss. Praktischerweise ist Fanny Bury Pallisers “A History of Lace” gemeinfrei (juhu!) und steht online als Scan auf archive.org zur Verfügung.

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One thought on “Frauen schreiben Textilgeschichte: Fanny Bury Palliser

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