Die Königin macht Ferien 1: Fußweh, Heimweh, Herzweh

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Vorgestern war ich mit Kommiliton_innen auf Exkursion. Langes Stehen, heißes Gehen, wieder Stehen. Erschöpfung. Gestern schrieb ich die letzte Klausur meines Studiums. Danach fuhr ich mit Kommiliton_innen mit dem Schiff eine kleine, sengend heiße Runde auf der Spree und fiel danach in meine Berliner Lieblingsbuchhandlung ein. Dort wartete ein Buch auf mich und ein zweites wollte auch mit.

Das zweite Buch war “Der Hase mit den Bernsteinaugen” von Edmund de Waal. Als es erschien, wurde es überall besprochen, es wurde auch als Teil der Aktion “Eine Stadt. Ein Buch” in Wien gratis verteilt, aber ich habe es bisher geschafft, nicht mehr darüber zu wissen als dass es mit einer jüdischen Familie, deren Kunstsammlung und Wien zu tun hatte. Ich bin bei populären Dingen immer erstmal skeptisch. Wenn alle begeistert sind, trete ich einen Schritt zurück, mache Pause, lese, schaue, höre erst viel später. Meistens bin ich danach nicht überzeugt.

Ich tweetete gestern, dass es pervers sei, in Berlin ein Buch über Wien zu lesen und Heimweh zu haben. “Der Hase mit den Bernsteinaugen” handelt auch nicht nur von Wien. Aber der Teil, der Wien betrifft und das ganze Buch warfen mich dann doch etwas aus der Bahn. Die Familie Ephrussi, von der das Buch handelt, baute und besaß in Wien ein Palais. Ich habe dieses Gebäude mehr als tausendmal gesehen, war sicher an die hundert Mal, wenn nicht mehr sogar im Gebäude. Es liegt direkt gegenüber dem Hauptgebäude der Universität Wien. Im Keller befand sich lange das Stammlokal meiner Mutter. Ich hatte es nie als Palais wahrgenommen und wusste bis gestern nicht, dass es – wie viele andere Gebäude und Wohnungen – den jüdischen Eigentümer_innen gewaltsam geraubt wurde. Die Wiener Bibliothek der Familie Ephrussi landete – wie so viele – zumindest in Teilen in der Österreichischen Nationalbibliothek. Hatte ich bei meiner Arbeit im Provenienzforschungsprojekt der ÖNB ein Buch aus dieser Bibliothek in der Hand?

Das Heimweh verflog so schnell. Später sprachen wir auf Twitter über die Gemütlichkeit Wiens (der Kleber in der Fliegenfalle). Gerade will ich nicht zurück.

Heute fuhr ich dann auf einem der mir in Berlin vertrautesten Wege mit dem M29 vom Anhalter Bahnhof nach Kreuzberg, um dort zu frühstücken. Für danach hatte ich keinen Plan. Aber ich hatte das Buch dabei, das ich in der Buchhandlung bestellt hatte – Chimimanda Ngozi Adichies “Half of a Yellow Sun” und las es, wie auch den Hasen mit den Bernsteinaugen, in einem Zug durch. Manchmal schüttelte es mich. In dem Buch geht es um den Krieg in Nigeria von 1967-1970, die sogenannte Biafrakrise. “Biafra”, das Wort kannte ich – und assoziierte es mit einer großen Hungersnot. Warum es die gab, was Biafra war, wo es lag – all das wurde mir weder zuhause noch in der Schule noch an der Universität erzählt. Jetzt weiß ich ein ganz kleines bisschen mehr und habe Herzweh, denn Chimimanda Ngozi Adichies Charaktere wachsen sofort ans Herz.

Ich habe in den letzten Monaten einige Bücher gelesen, aber mit einer emotionalen Distanz, selbst zu Adichies “Americanah”, zu Zadie Smith’s “White Teeth”. Wohl auch, weil da eine emotionale Distanz zu vielem war in den letzten Monaten.

Beim Denken an das Palais Ephrussi auf der Rückfahrt zum Hostel (mit Umweg über Roseneck) dachte ich an Häuser in Wien, die ich tatsächlich wahrgenommen und zum Teil als unvergänglich angenommen und so entweder dokumentiert oder eben nicht dokumentiert habe. Manche Häuser fielen mir von außen auf, andere erst, als ich zufällig durch die geöffneten Fenster die Holzdecken im Piano nobile (dem “noblen”, meist ersten Stockwerk) entdeckte. Plötzlich wird aus der vertrauten Nachbarschaft ein unerforschtes Land – und mit dem Verschwinden von Häusern eines, das nur noch über Umwege erforscht werden kann.

Aber was mache ich jetzt mit diesen Gefühlen in Berlin?

Und dann kommst du mit dir überein, dass es ok ist, woanders zu sein, dass es ok ist, in Berlin woanders zu sein, dass es ok ist, sich nach traurigen und emotional anstrengenden Büchern traurig und von der Welt abgeschnitten vorzukommen.

Und 3 Meter vor dem Eingang zum Hostel dann Krähen, die einen Falken drei Minuten um die Antenne eines Hochhauses jagen und der Halbmond und …

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