Die Angst vor dem Sprung über den Schatten

[CN Mobbing & Auswirkungen, Selbstzweifel]

Als ich endlich mit dem Gymnasium fertig war, schwor ich mir, die beste Rache für das jahrelange Mobbing, das ich dort erlebte zu üben: Alle Komplexe, die ich aufgrund des Psychoterrors entwickelte, zu bekämpfen und zu besiegen und superawesome zu leben & sein. Daran arbeite ich noch jetzt. Beim Meta-Workshop vor dem Femcamp wurde mir leicht schwummrig, als Augenkontakt als Kriterium für ich weiß nicht mehr was genannt wurde. Wohlfühlen? Ein angenehmes Klima? Dass ein Workshop klappt?

Uaahhh. Augenkontakt. Uaaahhhh. Gruppensituationen und ich. Unbekannte Menschen auf einem Haufen und uaaahhh uahhh uahhh. Womöglich vor diesen Menschen auch noch etwas vortragen, Horror! Angst. Angst, dass ich nochmal an der Tafel heule, weil ich so lange verhöhnt werde, bis die Tränen kommen. Angst, dass ich als Außenseiterin eingeteilt, nicht wahr und nicht ernst genommen werde. So große Angst. Also Augenkontakt? Nur, wenn ich mich superawesome fühle. Dabei habe ich nach meiner Schulzeit nie mehr eine solche Situation erlebt, aber sagt das mal der Angst.

Beim Femcamp habe ich zwei Sessions gehalten, eine zu fat activism und eine zu crafting und Feminismus und beide waren für mich sehr spannend und sehr gut und laut Feedback für andere auch. Ich habe sogar am Diary Slam teilgenommen, als erste(!) gelesen, wenig vorbereitet – und war überhaupt nicht nervös! Nicht bei den Sessions, nicht beim Diary Slam. Das fällt mir jetzt erst auf. Als ich bei meinem zweiten Barcamp, dem Bibcamp in Nürnberg, verspätet, vor fast unbekannten Menschen, mit Katzenohren, einen Sessionvorschlag vorstellte, zitterten meine Hände so, dass ich kaum tweeten konnte. (Hielt mich aber nicht davon ab.)

Aber war meine fehlende Nervosität nicht einfach der Schlafmangel und der Femcamp- Effekt? Schließlich kannte ich bei den Sessions schon einige der Menschen, die in den Sessions saßen – und wenn ich Menschen kenne, bin ich weniger nervös. In einem queer_feministischen Kontext fühle ich mich auch meist wohl. Und ich war so konzentriert auf das Halten der Sessions bzw. Lesen, dass ich z.B. nicht bemerkte, wenn Personen vor mir vorbeiliefen (ist das gut oder schlecht?). Eigentlich sollte ich besonders meinen Diary Slam-Schattensprung feiern, aber mein Anspruch auf den Riesensprung zur brillianten, selbstsicheren Rednerin erdrückt alles.

Bei einer anderen Session besprachen wir zukünftige Strategien. Ich benannte ein paar, die ich erkannt hatte und insgeheim gerne durchführen würde, aber aus irgendwelchen Gründen gestehe ich mir die Kompetenz nicht zu (warum nicht?) und ich gestehe mir auch nicht zu, endlich vor den inneren Vorhang zu treten und zu sagen: Ich finde, das gehört so und so getan und ich möchte das machen und brauche eventuell Hilfe, aber ich will das tun. Ich gestehe mir nicht zu, die Initiative zu ergreifen, Vorschläge zu machen, Anführerin zu sein, Dinge durchzuführen, dahinter zu stehen. Zusätzlich befürchte ich, dass ich eingegangene Verpflichtungen #ausGründen nicht einhalten werden kann – aber wenn es mir wichtig und die Umgebung unterstützend ist und ich die Kraft und Zeit dazu habe, warum nicht?

Eine Angst ist sicher, durch die Überspringung dieses Schattens in eine Position zu kommen, in der mein Spaß am Mittelpunkt sein, mein Bedürfnis nach Bestätigung, meine Tendenz zu schnellen Meinungen und zu dominantem Redeverhalten (sowie Beharrlichkeit und Sturheit) nicht mehr durch die aufgezwungenen Komplexe gedämpft und gemäßigt werden, sondern sich im freien Lauf entfalten können. Ich habe familiäre Vorbilder, wie ich werden könnte. Ich will so nicht werden.

Aber warum sollte ich genau so werden? Ich bin doch ganz anders aufgewachsen und sozialisiert worden und lerne permanent dazu. Was könnte passieren, wenn ich es einfach wage, weitere Schritte in diese Richtung mache? Ich könnte mich verändern. Ich könnte etwas verändern, vielleicht. Warum nehme ich das nicht positiv an?

Und schließlich sprach ich gestern mit einem tollen Menschen, den ich im Workshop vor dem Femcamp wahrnahm, aber mit dem ich erst am Femcamp richtig in Kontakt trat. Wir sprachen über Anime und dass ich schon länger Rezensionen zu Anime schreiben will (etwas zwiegespalten zwischen “Aber dann gehören sie ja nicht mehr mir alleine!” /o\ und “Aber dann habe ich endlich Menschen, mit denen ich über Anime reden kann! \o/) und mich einfach nicht traue. Wir sprachen darüber, aber ich war schon zu müde und habe mir nicht alles gemerkt.

Hier ist es die Angst, keine Expertin zu sein und möglicherweise Fehler zu machen, auch ein bisschen, dass Anime, die ich mag, wegen problematischen Inhalten auf viel Gegenwind stoßen – aber noch größer ist die Angst, eine Rezension schlecht zu schreiben, dabei ist das genauso Übungssache.

Es ist wohl der Anspruch, Dinge aus dem Stand perfekt zu machen, ohne jede Übung. Sagt die Frau, die für ein Design ihr Strickstück auch sechs, sieben, achtmal auftrennt und geduldig wieder strickt. Hm. Ich vergesse zu oft, dass schon der Weg bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur eine Trainingsmontage war, sondern dass hinter mir Jahre der Übung, Jahre des über den Schatten Springens, Jahre des “Iiiiiiiiihhhh, ich hab ANGST, aber ich mach das jetzt!” liegen. Aber eines sehe ich: In meiner kleinen Angstblase mag ich nicht mehr sein. Ich bin traurig, wenn ich in ihr festsitze, anstatt aus ihr herauszutreten und bereue es dann nachher oft. Ich habe schon oft festgestellt, dass ich ein angstfreies Kind war, das keine Probleme hatte, für seine Volksschulklasse Gedichte und Theaterstücke zu schreiben und diese dann aufzuführen. Zu dem Gefühl möchte ich wieder zurück.

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