Berlin, April 2014

“Wir kaufen Ihr Miethaus” klingt nach einer gefährlichen Drohung. Heute sah ich, dass in Moabit abgerissen und renoviert wurde. Gentrifizierung, ick hör dir trapsen.

In die falsche S-Bahn steigen und schon bin ich unterwegs ins Bauhausmuseum, mit Frühstückszwischenstopp in Charlottenburg, das mich anscheinend nicht loslassen will. Bourg de Charlotte, du alte Klette, ja, ich mag dich doch auch. Warum hat mir eigentlich niemand gesagt, dass es in Berlin ein Jugendstilmuseum gibt, das allerdings noch wegen Umbau geschlossen hat? Also erst mal Bauhaus.

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Als ich 1998 das erste Mal Berlin besuchte, mit meiner Schweizer Schulklasse, durften wir nicht alleine in Berlin herumfahren. Frau Anna Z., die mit 14 und 15 schon alleine in London herumgesaust war, stieg in einen Bus und fuhr alleine zum Bauhausmuseum und entgegen aller Befürchtungen starb sie nicht, sondern sah sich eine Ausstellung über die Textildesignerinnen* des Bauhauses an, denn das durften die Frauen* damals im Bauhaus.

15 Jahre waren es letzten Herbst. Stolz zeigte ich nachher meine Trophäen meinem Vater, damals noch analoge Fotos und die Postkarten aus dem Bauhausmuseum. Mit meiner Klasse wohnte ich in der Jugendherberge beim Tiergarten und eines Abends gingen wir aus, in den Tresor. Erster Club ever und das unschuldige, zum ersten Mal groß (von N.) geschminkte Annakind aus der Großstadt Wien war vom Stroboskopeffekt faszinierter als von dem blonden Jungen, der ihm zulächelte. Alles war in Momentaufnahmen zerhackt und meine Mitschüler*innen sahen großartig aus.

An der Haltestelle, an der wir aussteigen, um zu unserer Jugendherberge zu gelangen, sahen wir auf der Botschaftswiese hinter einem Zaun jeden Abend mehr Kaninchen …

Moderne Architektur, modernes Design erinnern mich natürlich an meinen Vater und nun sitze ich hier im Museum, belausche Franzosen beim Aufzeichnen der Maße des berühmten Schachspiels von Josef Hartwig und heule mal wieder. Atmen, Anna, Atmen. Wenigstens werden nun die Frauen*, die im Bauhaus wirkten, durchgängig prominenter hervorgestrichen. Eine Eulen- und eine Katzenstatue von Josef Hartwig wirken wie eine kleine Internetreferenz. Ich gehe jetzt. Taschentuch, Museumsshop. Hoppelhase aus Holz, Vorlegebesteck, das wie ein Spielzeug zum Zusammenbauen aus einem Rahmen herausgedrückt werden muss. Vielleicht lass ich es drin. Warum bin ich immer so verwirrt von der Freundlichkeit der Menschen hier? Warum erwarte ich, dass sie unfreundlich sind? (Wien, daran bist du schuld.)

Ich fahre an dem Rasenstück mit dem Zaun vorbei, wo die Kaninchen grasten, es liegt auf der anderen Seite des Kanals. Jetzt sind wir fast am Potsdamer Platz, bei Philharmonie und Gemäldesammlung, beide habe ich 1998 besucht, ich will aber zum Moritzplatz, um von dort mit der U-Bahn zur Weinmeisterstraße zu fahren. Ich mache Schlenker durch die Stadt, denn noch habe ich Zeit.

Die Statue im Waldeckpark trug den ganzen Winter einen gelben Schal, jetzt trägt sie ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift “Wonderwaffel”, Werbung also. Die Zierkirschenbäume beim Moritzplatz blühen. Ein Besuch in meinem Lieblingsbuchladen, wo ich immer Tee und Zuspruch bekomme und Bücher erwerbe, die nicht auf dem Plan standen. Hundt Hammer Stein heißt sie. Jetzt habe ich noch ein Buch von Zadie Smith, ihr erstes (White Teeth), eines von Teju Cole, eines über einen Enterich, der ein Ei findet. Vielleicht lese ich es Nibling vor, in zwei, drei Jahren. Am Samstag kommt dann noch ein Buch von Chimimanda Ngozi Adichie dazu, als gäbe es in Wien keine Buchhandlungen. Naja, bisher keine in der ich Tee und Zuspruch kriege.

Zurück nach Kreuzberg. Ich nehme am liebsten den M29, weil der mich direkt vor dem Café abliefert, zu dem ich will. Und nachher bringt er mich wieder zurück, normalerweise fast direkt vor die Charlottenburger Hosteltür, diesmal wenigstens zur U2, die mich zur Turmstraße bringt. Diese Illusion, sich langsam auszukennen. Ein bisschen halt.

Berlin.

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