Risotto

Risotto ist eines meiner Kindheitsgerichte. Mein Vater kochte immer dieselben Sachen: Risotto, Pasta oder Polenta mit Gemüsesugo, Gschwellti (im Dampf gekochte Kartoffeln) mit großen Stücken Schweizer Käse. Dazu gab es immer Salat. Er entwickelte auch eine feine, saure, klare Sellerie-Zucchinisuppe, für wenn wir Gäst*innen hatten, und dann gab es auch manchmal Raclette oder sehr selten Fondue.

Risotto, Sugo und Polenta sowie Italienisch und noch vieles mehr hatte er von Albertina, der italienischen Haushälterin seiner Eltern gelernt. Darum gab es bei uns zuhause sehr wenig “traditionelle” österreichische oder Schweizer Küche, auch meine Mutter lehnte sich stark an der italienischen Küche an. Sie kochte mehr mit Fleisch – für sich und meinen Bruder, solange ich Vegetarierin war – und süß für mich. Da wir von Kleinkindbeinen an in der Küche mithalfen – kein Puppengeschirr für uns, sondern richtiges, und scharfe Messer – konnten wir schnell selbst kochen und backen und taten es auch.

Jetzt, beim Kochen eines Zucchinirisottos dachte ich an meinen Vater und seine Kochkünste. Mit der Zeit entwickelte er das Schneiden von Gemüse zu einer meditativen Übung – wir hatten wenig Lust, uns an seine Milimetervorgaben zu halten, also schnitt er selbst. Was er wohl dazu gesagt hätte, dass ich die Zucchini mit dem Gemüsehobel ins Risotto gehobelt habe? Ich fürchte, das wäre nicht genehm gewesen. Musste das Risotto bis ca. in die Mitte der 90er immer gerührt werden – mit dem speziellen Kochlöffel der Großmutter, dessen Laffe schon um die Hälfte geschrumpft war – wurde es danach mit mehr Flüssigkeit versetzt und durfte zugedeckt vor sich hinköcheln. Ich hab meines gerade gerührt, den Löffel hat mein Bruder.

Ich aß mein Risotto am Liebsten immer zusammen mit dem Salat, ja, am Liebsten mit der Salatsauce (Hör auf, da schmeckst du ja nichts von dem was im Risotto drin ist! Doch!) und aus unerfindlichen Gründen schmeckte mir der Sugo lange nicht, also aß ich sehr lange meine Nudeln mit Ketchup. Als er mir begann zu schmecken, waren die großen Kochzeiten schon fast vorbei.

Als Dessert gab es sehr selten g’schwungne Nidel (steif geschlagenen Rahm) mit Ovomaltine. Da konnte es auch vorkommen, dass mein Vater uns einen Löffel klaute. Eigentlich liebte er Süßes, aber versagte es sich meistens. Als ich begann, Dinge zu backen, bekam er immer ein Stück und war wohl froh. Erst im Krankenhaus, auf dem Sterbebett, bat er um Schokolade, weil ihm das Essen so wenig schmeckte und bekam die feinste, alle brachten welche mit, er genoss sie und wir zehrten noch lange nachher von den angehäuften Vorräten.

Davor hatte er lange Zeit vieles nicht vertragen, die Chemotherapien und anderen Beschwerden ließen seinen Hang zur Askese noch größer werden. Gemüsereis mit Curry statt Risotto gab es dann.

Jetzt muss ich aufhören, ich sitze in der immer voller werdenden U-Bahn und heule ungern.

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