Josei no shōri – ein feministischer Film aus 1946

Das Österreichische Filmmuseum zeigt eine Retrospektive von Mizoguchi Kenji und der Schauspielerin und zweiten japanischen Regisseurin überhaupt, Tanaka Kinuyo. Es ist die erste Retrospektive einer Regisseurin, die ich im Österreichischen Filmmuseum überhaupt gesehen habe.

Wenn ihr diese Beschreibung eines Films lest: „Die Heldin in Sieg der Frauen gewinnt als Anwältin einen Prozess in Frauensachen, um zu entdecken, dass ihr eigenes Leben einsam, pedantisch und unerfüllt geblieben ist.“ (Beschreibung von „Josei no shōri“, 1946, dir. Mizoguchi Kenji) – an was denkt ihr da?

Ich dachte „Nicht schon wieder.“ Wie oft habe ich jetzt schon die Geschichte gehört, gelesen, gesehen, dass eine Frau* zwar beruflich oder im Aktivismus erfolgreich ist, aber privat unglücklich und einsam. Bah. Gestern habe ich schon zweimal die Geschichte einer Frau in der patriarchalen, feudalistischen japanischen Gesellschaft durchleben dürfen, einmal Ogin-san im 16. (Ogin-sama, 1962, dir. Tanaka Kinuyo, imdb-Link), einmal Oharu-san Ende des 17. Jahrhunderts (Saikaku ichidai onna, 1952, dir. Mizoguchi Kenji, imdb-Link) und diese Geschichten gingen natürlich nicht gut aus. Und so würde es wieder sein, dachte ich.

Doch jetzt, nachdem ich Josei no shōri gesehen habe, frage ich mich, ob der Mensch, der diese Beschreibung verfasst hat, überhaupt den Film gesehen oder nur eine andere Beschreibung gelesen hat. Bzw. sind die Beschreibungen der Filme, die ich bisher gesehen habe generell … äh … nun ja. Andere Personen, andere Interpretationen. Josei no shōri und die Verfilmung des Lebens von Fukuda (Kageyama) Hideko (Waga koi wa moenu, 1949, dir. Mizoguchi Kenji, imdb-Link) sind die feministischsten Filme, die ich seit einiger Zeit gesehen habe.

Josei no shōri spielt in der Zeit, in der der Film gedreht wurde, also ca. 1946. Tanaka Kinuyo, die in vielen Filmen Mizoguchis die Hauptrolle spielt, ist die Anwältin Hosokawa Hiroko (schwierig, genauere Informationen zu finden, ab wann Frauen* in Japan als Anwältinnen* zugelassen wurden, diese Website sagt 1933). Der Film öffnet mit einer Szene in der Hiroko und ihre Kollegin* die “democratisation of the legal system”, also die neue Form des Justizsystems im Nachkriegsjapan besprechen. 1946. Zwei arbeitende Frauen*, die studiert haben und als Anwältinnen zugelassen sind, besprechen politische Entwicklungen. Wann hab ich sowas zuletzt in einem Hollywoodfilm gesehen? Äh, nie. Gibt es hoffentlich, aber wer weiß. Bechdeltest jedenfalls in der ersten Szene bestanden.

Nachdem sie ihre Hoffnungen für einen Wandel des Systems besprochen haben, sprechen sie von Hirokos ehemaligem Verlobten Yamaoka Keita, der aus dem Gefängnis freigelassen wurde, in dem er 5 Jahre als politischer Gefangener inhaftiert war. Er ist sehr schwach und wurde direkt ins Krankenhaus eingeliefert. Hiroko will ihn besuchen, doch die Situation ist problematisch, denn der Ankläger, der Yamaoka ins Gefängnis brachte, ist Hirokos Schwager, Kono – wenn sie Yamaoka besucht, stellt sie sich gegen Kono und ihre Schwester.

Doch Hiroko besucht Yamaoka und gemeinsam besprechen sie die Gefahr, dass das politische Personal der Militärdiktatur weiterhin im Amt bleibt und ihre Vorstellungen der japanischen Gesellschaft weiter diktieren können. Hirokos Schwager ist genau einer dieser Menschen, der fürchtet, seine Position zu verlieren und seine Mittäterschaft bzw. systemerhaltende Funktion während der Militärdiktatur damit zu entschuldigen versucht, dass er sich nur an die Gesetze gehalten habe. Da Hirokos Schwester Michiko unbedingt zu ihrem Mann hält, gibt es erhebliche Spannungen in der Familie.

Hiroko lebt mit ihrer Mutter und jüngeren Schwester in einem Haus. Als sie dorthin zurückkehrt, bietet ihr eine Straßenverkäuferin Fleisch an. Hiroko erkennt ihre alte Mitschülerin Moto Asakura. Später besucht Hiroko ihre alte Freundin und findet heraus, dass ihr Mann verletzt ist. Er hatte in einer Munitionsfabrik gearbeitet und war dort verletzt worden, aber die Fabriksbesitzer kümmerten sich nicht um ihre Pflicht, ihm ärztliche Hilfe zukommen zu lassen. Asakura versucht ihn, ihre Mutter und ihr Kind über Wasser zu halten, doch es fällt ihr schwer. Etwas Zeit vergeht, in der Hiroko wieder ihren ehemaligen Verlobten besucht, dem es weiterhin ebenfalls gesundheitlich schlecht geht.

Dann kommt eine aufgelöste Asakura zu Hiroko und erzählt, dass ihr Mann gestorben ist und sie die Absicht gefasst hatte, sich und ihr Kind zu töten. Bei dem Gedanken an ihre Mutter, die dann jedoch alleine in der Welt sein würde, hält sich Asakura zurück, wird aber ohnmächtig – am Ende ist das Kind erstickt, ob absichtlich oder unabsichtlich wird aus ihrer Erzählung nicht klar. Hiroko redet Asakura zu, sich den Behörden zu stellen und verspricht, sie zu verteidigen.

Hier stößt nun der schwelende Konflikt in Hirokos Familie mit Asakuras Fall zusammen, denn der Ankläger ist Hirokos Schwager Kono. Hirokos Schwester Michiko bittet sie wiederholt, sich nicht gegen Kono zu stellen, da Hiroko Kono nicht nur für ihre Ausbildung Geld schuldet, sondern auch eine ideelle Schuld für seine Unterstützung bei ihrer beruflichen Laufbahn. Bei einer Unterredung zwischen den dreien bittet Kono Hiroko direkt darum, sich nicht gegen ihn zu stellen, damit er seine Position nicht verliert. Aber Hiroko bleibt ihrer politischen Überzeugung treu, weigert sich und bezichtigt ihre Schwester der Feigheit. Hiroko fragt Michiko, warum sie ihren Mann nicht verlässt, doch diese hält es für ihre Pflicht, bei ihm zu bleiben.

Zuhause bittet Hiroko ihre Mutter darum, das Haus zu verkaufen, damit sie Kono alle Schulden zurückzahlen kann und ihre Mutter willigt sofort ein. Auch die Mutter ist der Meinung, dass Michiko sich von ihrem Mann trennen sollte und dass sie Michiko leider noch erzogen hatte, sich ihrem Mann unterzuordnen, weil sie zu der Zeit selbst noch dieser Meinung war. Hiroko besucht wieder Yamaoka, dem es noch schlechter geht und der ihr nochmals eindringlich zuredet, dass es auch ihre Aufgabe ist, das alte System umzustürzen.

Bei der Gerichtsverhandlung krachen Kono und Hiroko aneinander. Während er nochmals betont, dass das Gesetz die Umstände nicht berücksichtigen sollte, klagt Hiroko das System an, das ihre Freundin Asakura erst dazu gebracht hat, eine solche Tat zu begehen. Hiroko hält eine flammende Rede über die Situation der Frau in Japan. Asakura wurde dazu erzogen, sich auf ihren Mann zu verlassen, ihm in allem zu gehorchen, kein eigenständiges Leben zu führen. Durch seine Verletzung war sie gezwungen zum ersten Mal ihren Lebensunterhalt zu verdienen, die Folgen des Krieges treffen sie und ihre Familie hart. Ihre Tat und die Verletzung ihres Mannes ist auf die Profitgier der Fabriksbesitzer, auf den Krieg und auf die Militärdiktatur zurückzuführen.

In der Verhandlungspause erhält Hiroko Nachricht, dass Yamaoka gestorben ist. Gleichzeitig erhält sie aber einen Brief ihrer Schwester, die beschlossen hat, nicht länger eine Puppe zu sein, auf ihren eigenen Füßen zu stehen und ihren Mann zu verlassen. Dadurch bestärkt kehrt Hiroko ruhig wieder in den Gerichtssaal zurück. Ob Asakura freigesprochen wird, bleibt offen.

Was stand da nochmal in der Beschreibung? „Die Heldin in Sieg der Frauen gewinnt als Anwältin einen Prozess in Frauensachen, um zu entdecken, dass ihr eigenes Leben einsam, pedantisch und unerfüllt geblieben ist.“ Äh, nein. Die Heldin in Sieg der Frauen kämpft als Anwältin um den Freispruch einer wegen Kindsmord angeklagten Frau und um einen grundsätzlichen Wandel im Justizsystem und der japanischen Gesellschaft. Unterstützt durch ihre Familie, Freunde und Kolleginnen ist sie dabei ihrer Schwester ein Vorbild, die beschließt, sich zu emanzipieren.

Hiroko ist nicht einsam – sie lebt gemeinsam mit ihrer Familie. Am Ende kehrt ihre Schwester wieder zurück, auf deren Emanzipation Hiroko sehnlichst gewartet hat, da sie ihre Schwester glücklich sehen will. Ihre Beziehung zu Yamaoka ist zwar komplex, doch steht eine sexuelle oder Liebesbeziehung überhaupt nicht im Vordergrund, es ist völlig offen, was für eine Beziehung es ist, es könnte eine reine Freundschaft sein. Die einzigen Themen zwischen ihnen sind sein Gefängnisaufenthalt, die Politik und Hirokos Arbeit, in der sie Yamaoka voll unterstützt und bestärkt. Hirokos Leben ist erfüllt von Familie, Arbeit, Politik, dem Kampf um Frauen*rechte, um einen gesellschaftlichen Wandel in Japan. Pedantisch wirkt sie wohl nur auf nicht-feministische Menschen. So wie Waga koi wa moenu endet Josei no shōri mit dem Motto der feministischen Solidarität – die vorher im patriarchalen Gesellschaftssystem verhaftete Frau* stellt sich der Feministin* an die Seite, um gemeinsam mit ihr dagegen anzukämpfen.

Natürlich ist die Situation im Japan der Nachkriegsjahre weitaus komplexer als in Josei no shōri dargestellt. Ich denke auch, dass der Film ein Wunsch, eine Botschaft und nicht mit der Realität zu verwechseln ist. Leider weiß ich viel, viel zu wenig, um den Film in seinem Kontext wirklich passgenau verorten zu können. Bei der Recherche nach Daten und Personen wurde wieder einmal klar, wie wenig und wie wenig verlässliche Informationen zu Frauen*geschichte_n das Internet enthält. Trotzdem ist es ein ausgezeichneter Film, dessen negative Beschreibung ich nicht unwidersprochen dastehen lassen wollte und ich lege ihn euch wärmstens ans Herz.

Advertisements

2 thoughts on “Josei no shōri – ein feministischer Film aus 1946

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s