Sophie und Agathe im Belvedere

Sie lagen in der Sonne wie Löwinnen. Wie die Löwinnen, die sie eigentlich waren. Es war ein Skandal.

Binnen weniger Stunden hatten sie eine beliebte Touristenattraktion Wiens besetzt. Kein Mensch hatte mehr Zutritt, Kugeln prallten an ihnen ab, das Denkmalamt verbot den Bombenabwurf. Die umliegenden Straßen und Häuser waren in Panik verlassen worden, Wien war leer wie im August. Hubschrauber von Fernsehstationen, eingeflogen mit riesigen Transportflugzeugen, kreisten über dem Park.

Jahrhundertelang hatte sie nur auf die Wand gestarrt. Sie konnte nicht einmal den Kopf wenden, um Sophie anzusehen. Sie konnte sich nicht umdrehen. Jahrhundertelang. Jahrhundertelang hatten sie sie angefasst an diesen Halbkugeln mit einer Murmel in der Mitte. Jahrhundertelang hatte sie nicht einen Laut von sich geben, nicht eine Miene verziehen, nicht eine Tatze dagegen heben können. Wie lange war der letzte Anstrich her? Davor war sie in Ehren ergraut, angewittert, eine Ruine, die mit der grauen Stadt verschmolz wenn es dämmerte. Doch mit dem rekonstruierten Parterregarten war der Anstrich gekommen, weiß strahlend und doch konnte sie nur weiterhin auf die Wand starren und nichts gegen das Anfassen tun.

Da kam schon wieder einer. Er umfasste eine Halbkugel und feixte zu seinem Begleiter hinüber. Überall die weiße Farbe, nur an den Halbkugeln war sie fast wieder so grau wie vorher, trat der Stein zutage. Wie sie das alles hasste. Wie sie diese Menschen hasste. Bahnte sich da ein tiefes Grollen in der Kehle an? Langsam – millimeterweise – schob sich eine neue Fläche in ihr Blickfeld. Der Kiesweg! Weiter, weiter, ein Rucksack aus blauem Plastik, Haare, Sonnenbrille, da, Haut! Augen, Nase, Mund, der breit grinste. Mit der Kraft von tausend Medusen starrte sie in seine Augen, doch er bemerkte es nicht. Aber Sophie bemerkte es. Und dann sah Agathe zu Sophie hinüber. Endlich. Wie lange hatte sie darauf gewartet. Sophie schaute zurück. Selbst wenn sie sich nur aus den Augenwinkeln sehen konnten, sie erfühlten ihren Hass, ihre Verzweiflung. Von jetzt an lagen sie auf der Lauer.

Es dauerte nicht lange. Wieder einer. “Fass beide an, hahaha!” rief ihm ein anderer zu. Agathe riss ihre Pranken hoch, legte sie ihm auf die Schultern und biss ihn in den Hals, bis das Blut spritzte. Als er zusammensackte, reckte sie den Kopf in die Höhe und brüllte. Sie brüllte so laut, dass es noch in der französischen Botschaft am anderen Ende des Belvederes zu hören war. Dann erhob sie sich von ihrem Sockel und sah Sophie endlich ganz an. Sophies Gesicht war das schönste, das sie je gesehen hatte. Auf ihm lag ein Lächeln und eine wilde Hoffnung. Langsam, langsam wendete Agathe wieder ihren Kopf und starrte den anderen an. Bleich, fast so weiß wie ihre Flanken war er. Sie holte aus und schlug ihm mit der Pratze ins Gesicht. Tot fiel er zu Boden.

Agathe drehte sich elegant auf dem Sockel und blickte die ganze Länge des Gartens hinunter. Sophie würde sich immer daran erinnern, wie Agathe dagestanden hatte, das Gesicht von der Sonne beleuchtet, das rote Blut, das ihr vom Mund auf die Brust triefte. Agathe trug es wie eine Schärpe. Unter ihrem Blick begannen sich ihre Schwestern zu regen. Sie schlugen mit dem Schweif, beugten, dehnten, streckten sich, machten sich zum Sprung vom Sockel bereit. Unter den Augen der lachenden Brunnenfrauen und Göttinnenstatuen hetzten sie die Grabscher durch den Park, töteten sie mit Nackenbissen, Prankenschlägen. Die anderen Menschen wurden wie Kätzchen zum Ausgang getragen.

Die Krähen ließen sich dankbar auf den Leichen nieder und verschwendeten keinen Blick auf das Sphingenrudel, das sich nach der Jagd herzlich begrüßte und mit einander vertraut machte. Sie spielten. Rutschten die abgeschliffene Auffahrt hinunter, badeten in den Teichen, rannten Slalom um die Buchsbäumchen oder zerfetzten sie, tanzten in den Kringeln des Parterregartens.

Nach zwei Wochen hatte sich, wie in Wien üblich, die Aufregung gelegt. Es war nichts zu machen. Niemand durfte den Garten des Belvederes je wieder betreten.

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