Einmal Aarau und zurück

Im Föhnsturm im Bus zwischen verschneiten Bergen fahre ich von dem Ort an dem mein Bruder wohnt nach Aarau. Aarau liegt im Aargau, im Norden der Schweiz, zwischen Basel und Zürich, nahe an Deutschland. Der Aargau ist ein katholischer Kanton, berühmt für Konservativismus, Karotten und schlechten Autofahrstil.

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Aber ich bin in Aarau geboren und kann dem Schweizer Kantönligeist sowieso wenig abgewinnen. Rüeblitorte ist köstlich. Aarau liegt an der Aare und in den Ausläufern des Juragebirges, das dort eher aus hohen und nicht so hohen Hügeln besteht. Es hat eigene Traditionen, die angeblich Jahrhunderte alt sind, wie den Maienzug, der im Juli stattfindet, und die Bachfischet, ein Laternenumzug mit einem eigenen Lied in dem die Bewohner*innen der Nachbargemeinden verspottet werden: Fürio, de Bach brönnt, d’Suhrer händ ihn aazündt, d’Aarauer händ ihn g’lösche, Küttiger, Küttiger, riite uf de Frösche. Fragt mich nicht, was das alles bedeuten soll. Ich wohne dort nicht mehr.

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In Aarau liegen viele Familienmitglieder begraben – die Familienbegründer*innen, meine Großeltern und mein Vater, in einem lauschigen Friedhof. Also in einer Nische im Urnengang. Wenn ich den Weg vom Friedhof weitergehe, komme ich in das Quartier, in dem ich aufgewachsen bin, dem Zelgli. Aber dort gehe ich heute nicht hin und noch bin ich nicht dort.

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Noch bin ich in Sargans, am Bahnhof, ohne Ohrenringe, mit zerzaustem Haar. Der Berg, der normalerweise die Ankunft in der Schweiz symbolisiert, schimmert in der Morgensonne.

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Da kommt der Zug – es sind doch recht viele Menschen, die nach Zürich oder Basel wollen. Die Lok heißt “Historic”. Dieser Zug fährt sicher durch Aarau, bleibt aber dort nicht stehen, das wäre wohl zu einfach. Ich könnte auch schnell nach Basel und dann zurück, aber für Experimente fehlt leider die Zeit, um 11:05 bin ich verabredet.

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Ich bin verabredet um über meinen angeblich nicht mehr vorhandenen Bezug zu Aarau und zur Schweiz zu reden. Ich schaue in die Berge – nicht sehr hoch, sagt meine innere Schweizerin. Aber oben sind Felsen, also sind es Berge.

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Der Walensee, auch eine der wichtigen Marken bei Reisen ins Innere der Schweiz, kalt, tief, gefährlich, hat heute hohen Wellengang. Und doch gibt es Surfer, die den Föhnsturm nutzen. Schweizer Seen und ihr Blau.

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Vorbei geht es an Bunkern aus dem 2. Weltkrieg. Gerade habe ich mit meinem Bruder darüber gesprochen, dass ich ja auch zurückkehren könnte in die Schweiz, hier leben könnte. Es ist ja nicht so, als wäre es in Österreich anders, was das Einbunkern und die Ablehnung “fremder” Dinge betrifft. Aber die Bunker … und die fremdenfeindlichen Plakate, die ich später sehe …

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Schon sind wir am Zürichsee. Auch ein vielgeliebter Teil meiner Schweiz. Besuche in Rapperswil seit meiner Kindheit und ein wunderschönes Jahr in Zürich selbst. Nach meiner Matura in Wien verbrachte ich ein freiwilliges Jahr am Liceo Artistico in Zürich, um mein Italienisch zu verbessern und meine künstlerische Ader auszuleben. Tatsächlich erfuhr ich erst dort, wie es war, sich in einer Schule, einer Klasse wohlzufühlen.

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Und Rudern ging ich. Im Winter auf dem See, auf einem Surfbrett mit Ruderaufsatz. Ganz alleine. Rudern mit anderen Menschen hat mich nie interessiert. Als es wärmer wurde, lieh ich mir manchmal ein Fahrrad aus und radelte am Ufer entlang. Schon allein wegen dem See würde ich nach Zürich ziehen, wenn es nicht ganz unmöglich wäre, dort günstig zu wohnen.

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Wir fahren an unzähligen Schweizer Häusern vorbei. Es sind wohl die Fensterläden, die für mich “das” Schweizer Haus ausmachen. Mein Vater hätte mir sicher viel über die Architekturgeschichte der Schweiz erzählen können, aber wir haben nie darüber gesprochen. Vielleicht dachte er, wir würden sonst Architekt*innen werden wollen (als brotloser Beruf streng verboten). Aber da wir immer zu Besichtigungen aller möglichen Gebäude mitgenommen wurden, haben wir halt so gelernt. In drei Wochen schreibe ich eine Klausur über Bibliotheksbau und habe keine Angst davor. Ich freue mich sogar.

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Am Hauptbahnhof in Zürich suche ich nach einem Zug, der mich schneller nach Aarau bringt, aber es gibt keinen. Gut, ich nehme den Regio-Express und knipse vorher noch schnell das Landesmuseum, auch so ein Ding aus dem 19. Jahrhundert. Ich sitze im oberen Stock des Zuges und erinnere mich an das Märkische Museum in Berlin, über das ich endlich einen Blogpost schreiben sollte. 25 Minuten und ich werde da sein.

Lenzburg. Ich habe es verpasst, die Burg zu fotografieren. In der Schweiz gibt es quasi keinen Flecken, der nicht behaust, beackert oder sonst verwertet wird. Für reine Landschaft ist das Land zu klein und in den Tälern die Ackerfläche zu knapp. Der Wald wird seit Jahrhunderten (diesmal wirklich) bewirtschaftet. Die Almen, die Pässe, die Saumpfade – auch die Berge sind nicht unberührt. Gleich sind wir da. Ich sehe vertraute Hügel, Kirchen, Sendemasten.

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In Aarau empfangen mich die Tante und diese Tulpensitze. Es wird ein längeres Gespräch, aber nicht anstrengend. Danach laufen wir durch das Städtchen, über den Wochenmarkt, vorbei an der Buchhandlung meiner Kindheit und an der Statue des Urahns.
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Seiner Frau, die 13 Kinder gebar, wurde kein Denkmal erbaut.

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Und dann ins Café meiner Kindheit, wo nach dem Besuch in der Buchhandlung Gipfeli und Ovomaltine eingenommen wurden. Die Tuchlaube. Die Laube in der Tuch – Stoff – verkauft wurde. Die Spuren des Mittelalters und der frühen Neuzeit sind noch deutlich zu sehen.

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Um alles besser einzufangen zücke ich die richtige Kamera. Aber die Nähe des Atomkraftwerks (der Wolkenturm in der Mitte) will ich euch nicht vorenthalten. Ich war dort einmal im Kühlturm, auf Exkursion mit meiner Schweizer Schule. Es war feuchtwarm, neblig und zugig.

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Dann wird der Stand der Aare dokumentiert. In meiner Erinnerung fließt sie in die andere Richtung, aber tatsächlich fließt sie, aus Bern kommend, zum Rhein.

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Wieder hinauf in die Stadt. Vorbeistolpern am kurzen Stück des offenen Stadtbaches (der bei der Bachfischet besungen wird).

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Durch das Stadttor mit dem Turm.

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Die weiter oben erwähnten Fensterläden – an der Kantonsbibliothek.

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Wir nähern uns dem Friedhof.

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Und hier …

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stehen in Nischen Dosen mit Asche. In meiner Erinnerung war die Nische nicht so hoch oben, aber dann erinnere mich an die Leiter bei der Urnenbeisetzung. In der Nische ist die Dose, die ich aus dem Krematorium in Wien abgeholt habe. Die Urne war zu groß und passte nicht in die Nische. Sie sah auf dem Foto im Internet auch besser aus als in der Realität. Es gibt keine schönen, günstigen Urnen. Daher ist es nicht schlimm, dass nur die Dose in der Nische steht. Neben der Dose liegt ein Blatt der Pflanze, die mein Vater von einem Besuch aus Montenegro mitbrachte, in den 70ern. Alokasia. Eine äußerst wuchsfreudige Pflanze, schwer umzubringen. Vermehrt sich über Samen, Stecklinge, Teile des Strunkes. Sehr pittoresk. Alle Freunde* und Freundinnen* bekamen über die Jahre kleine Pflanzen. Bei der Urnenbeisetzung brachte ein Freund ein Blatt mit.

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Eine Vierteldrehung des Körpers entfernt liegen diese. So hat es sich mein Vater gewünscht.

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Ich weine. Ich erzähle. Ich wünsche mir. Es ist schwer. Dann gehe ich.

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Ich gehe die Feuerwanzen an den Bäumen fotografieren und dann haue ich ab.

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Denn ich habe eine Tageskarte für das gesamte Netz der SBB und die öffentlichen Verkehrsmittel in der Schweiz. Und ich will noch nicht zur Familienidylle unterm Weihnachtsbaum. Die nächsten zwei Tage gibt es kaum Fluchtmöglichkeiten. Ich nehme also schnell schnell den Zug nach Olten und dann den nach Basel. Die Taktung funktioniert perfekt. Eine Stunde gehört Basel mir. Schnell zum Münster und in den Rhein gespuckt.

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Also zuerst fahre ich in die falsche Richtung mit der Straßenbahn und dann gehe ich in die falsche Richtung. Egal. Beim Münster schnell noch im Kreuzgang verirrt und dann …

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schnell
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schnell
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schnell zum Bahnhof
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nur um zu erfahren, dass der Zug, den ich bis Sargans nehmen wollte, erst in einer Stunde fährt. Also steige ich halt in Zürich wieder um. Dafür sitze ich im TGV.

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Der Weg zurück ist wie der Weg hin. Nur ist es finster, ich sitze auf der falschen Seite für Fotos – und heute gibt es kein Abendrot. Der Föhn bricht langsam zusammen. Ich bin spät dran und habe keine Möglichkeit, meine Verspätung kundzutun.

Aber ich bin ruhig. Ein Chor singt mir alte englische Weihnachtslieder ins Ohr. Die CD mit den Liedern habe ich 1998 in Zürich gekauft. Es ist alles in Ordnung. Ich habe meinen Vater gesehen und er mich. Der Rest ist mir egal.
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