Taste the Definitionsmacht – Comics und Kanon

Ein Tweet

Ein Text

Ein Rant.

Und einige Statistiken.

Die Frage, ob Comics Kunst sind, ist immer mit “Ja” zu beantworten. Darum geht es nicht in diesem Rant. Bestes Statement zu dieser Frage kam von @karinkollerwp:

Es geht auch nicht darum, ob Comics von Männern* oder Frauen* mehr “wert” sind, welche ich lieber lese, etc., denn ich lese fast alle Comics, die mir unterkommen.

In der österreichischen Tageszeitung “Die Presse” schreibt Christoph Huber am 17.11.2013 (in der Print-Ausgabe) (wie schon getweetet) eine Männerkritik über Männercomics über Männerliteratur und Männererlebnisse.

Es kommen vor:

Nicolas Mahlers Essay in Bildern in der FAZ zur Frage “Sind Comics Kunst?” (Mann erklärt anderem Mann Comics. Erwähnt werden männliche Philosophen/Theoretiker (Baudrillard, Foucault, Barthes, Deleuze), parodiert werden Literaturadaptionen von Werken von Autoren und einer Autorin* durch männliche Comiczeichner, vorkommende Figuren sind durchwegs männlich, generisches Maskulinum wird verwendet. Es kommt vor:

Lucky Luke-Band “Ein fliehendes Pferd” v. Martin Walser & Morris (Maurice de Bevere)

“Der Steppenwolf trifft Pauli den Maulwurf” von Hermann Hesse und Rolf Kauka

“Malina und die Mainzelmännchen” von Ingeborg Bachmann (Malina ist ein männliches Alter Ego der Ich-Erzählerin!) und “ZDF” (Erfinder und erster Designer der Mainzelmännchen war Wolf Gerlach)

“Todesfuge” von Paul Celan und Bob Kane (zusammen mit Bill Finger Erschaffer von Batman)

Ein ungenanntes Werk von Peter Handke in Graphic Novel-Format wird von einem Germanisten gelesen.

Der wichtige Punkt, dass Graphic Novels Comics sind, wird von einem alten Mann seinem Enkel weitergegeben.

Ein Germanist vermisst Literaturvorlage und Graphic Novel

Der typische Vertreter der Comicszene ist ein Mann, der an die einzige im Comic abgebildete Frau denkt, die stark sexualisiert ist. Ist das Schwert in ihrer Hand ein Fortschritt?

Im ganzen Comic gibt es 15 männliche z.T. mehrmals vorkommende abgebildete Figuren (Germanist ohne Haare, der Autor/Zeichner selbst, der Vertreter des Kunstbetriebs, ein Opa, ein Enkel, ein Germanist mit Haaren, ein Vertreter der Comicszene und dazu habe ich auch Lucky Luke, die 4 Kappen der Mainzelmännchen, den Steppenwolf, Pauli den Maulwurf & Batman gerechnet).

Auf 23 Panels werden 40 mal männliche Figuren abgebildet (wieder mit Lucky Luke, etc.), 12 Autoren bzw. Zeichner (ich rechne “ZDF” als Autor) werden erwähnt, 8 männliche Comicfiguren werden abgebildet (Mainzelmännchen rechne ich hier 4x), 5 männliche Hauptfiguren von Comics und Literaturvorlagen werden namentlich erwähnt.

Erwähnt wird eine Autorin*, abgebildet eine (sexualisierte) namenlose Frau, die aber nur eine Vorstellung und keine handelnde Figur ist.

Weitere im Text von Christoph Huber erwähnte Comics, Comicautoren, Comiczeichner (z.T. basierend auf Literaturvorlagen von Autoren):

Nicolas Mahler hat einen Graphic Novel von Robert Musils “Der Mann ohne Eigenschaften” veröffentlicht.

„Der Affe von Hartlepool“ von Autor Wilfrid Lupano und Zeichner Jérémie Moreau

Joe Sacco (Wieviele Bände über Kriege/Konflikte gibt es eigentlich von dem schon?) hat einen Comic über den 1. Weltkrieg gezeichnet: “The Great War”, “vom britischen General über die Front bis zu den Massengräbern”.

Jacques Tardis Comics über den 1. Weltkrieg (inspiriert von den Erlebnissen seines Großvaters) folgt nun “Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB” über die Erlebnisse seines Vaters im 2. Weltkrieg (den Comic hatte ich schon in der Hand & will ihn gerne lesen).

Florent Sillorays „Auf den Spuren Rogers“ über die Kriegsgefangenschaft seines Großvaters im 2. Weltkrieg.

Könnt ihr hier irgendwo eine Frau* sehen?

Und gleich am Anfang des Artikels steht die Monumentalanthologie “Weltliteratur als Graphic Novel”, im Orignal “The Graphic Canon” (3 Teile).

Schauen wir uns die einmal an.

Hier ist der Wikipediaartikel zum Graphic Canon.

Hier ist das Blog und die Liste der Beitragenden* zum Graphic Canon.

Ich habe nachgezählt, anhand der Liste der Beitragenden*, unterstützt von Wikipedia & Recherche. Es wird jede Instanz gesondert betrachtet, d.h. der in Band 1 mit 5 Werken vertretene Shakespeare wird fünfmal gezählt. Bei mehreren Hauptfiguren habe ich je nachdem 1 männliche*, 1 männliche* und 1 weibliche* oder 1 weibliche* gezählt (Ich glaube nicht, dass sich dadurch die Verhältnisse groß verändern). Ich beanspruche keine Unfehlbarkeit, Fehler und Ungenauigkeiten können vorkommen. Wenn euch meine Methode missfällt könnt ihr gerne selber nochmal nachzählen, niemand hält euch davon ab …

image

  • Band 1 enthält 54 auf Literaturvorlagen basierende Comics.
  • Band 2 enthält 55 auf Literaturvorlagen basierende Comics und Bildergalerien (15 Beitragende bei der “Alice in Wonderland” Gallery, davon 7 männlich*, 8 weiblich*).
  • Band 3 enthält 82 auf Literaturvorlagen basierende Comics.
  • Insgesamt: 191

Literaturvorlagen von Autoren* (so bekannt):

  • Band 1: 42
  • Band 2: 51
  • Band 3: 72
  • Insgesamt: 165

Literaturvorlagen von Autorinnen* (so bekannt):

  • Band 1: 7
  • Band 2: 6
  • Band 3: 12
  • Insgesamt: 25

Männliche* Hauptfiguren (so identifizier/eruierbar):

  • Band 1: 39
  • Band 2: 40
  • Band 3: 65
  • Insgesamt: 144

Weibliche* Hauptfiguren (so identifizier/eruierbar):

  • Band 1: 8
  • Band 2: 19
  • Band 3: 22
  • Insgesamt: 49

Wie sieht es im Graphic Canon mit den Bearbeiter*innen der Literaturvorlagen (Autor*innen und Zeichner*innen) aus?

Bearbeiter*:

  • Band 1: 45
  • Band 2: 55 (Davon 7 bei der “Alice in Wonderland” Gallery)
  • Band 3: 46
  • Insgesamt: 146

Bearbeiterinnen*:

  • Band 1: 18
  • Band 2: 27 (davon 8 bei der “Alice in Wonderland” Gallery)
  • Band 3: 41
  • Insgesamt: 86

Weitere Zahlen, die festzustellen interessant wäre: Verhältnis Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen of Color – Weiße Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen; Verhältnis GLBTQIA*-Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen – heterosexuelle Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen; Verhältnis Trans* Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen – Cis* Autor*innen/Figuren/Zeichner*innen, etc. etc. etc.

Insgesamt enthalten die drei Bände von “The Graphic Canon” 191 auf Literaturvorlagen basierende Comics. Davon basierten insgesamt 165 auf Vorlagen von Autoren*, 25 (!) auf Vorlagen von Autor*innen. Von den Hauptfiguren (so eindeutig eruierbar) waren 144 männlich*, 49 (!) weiblich*. Bearbeitet wurden die Vorlagen von 146 männlichen* und 86 weiblichen* Künstler*innen (wenn das für euch nach “viel” bzw. “in Ordnung” klingt, schaut euch die anderen Zahlen nochmal ganz genau an).

Wenn mir noch einmal ein Mensch was von “die Comicszene ist jetzt nicht mehr so männlich/Weiß/cisheterosexuell dominiert” erzählen will, verlinke ich diesen Rant. Denn das ist der Mainstream. Diese Comics werden wahrgenommen, besprochen, gekauft, gelesen.

Smash the patriarchy!

Advertisements