Ein Film und der Seelenluftballon fliegt

“I giorni contati”, ein Film von Elio Petri aus dem Jahr 1962, handelt von einem römischen Installateur, Cesare Conversi. Auf der Heimfahrt von der Arbeit wacht der Mann, der vor ihm in der Straßenbahn sitzt, nicht mehr auf.

Obwohl Cesare schon vorher mit dem Tod konfrontiert war – seine Frau ist bereits gestorben – ist es erst der Tod dieses Mannes, der genauso gut er hätte sein können, der ihn aus der Bahn wirft.

“Wann werde ich sterben?” wird zur wichtigsten Frage Cesares, aber eine Antwort findet er nicht. “War das alles?”, “Was soll ich denn jetzt tun?”, “Was ist der Sinn des Lebens?” … Cesare hört auf zu arbeiten, sucht nach einem anderen Leben, nach Sinn, aber auch auf diese Fragen findet er keine Antworten.

Er versucht, seine entfremdete Seele wieder an die Welt, an die Menschen anzubinden, aber es gelingt ihm nicht, und findet überall nur Vergangenheit, Zerfall, Todessymbole. Er besucht seinen Geburtsort und findet nur Öde und Leere – die grünen Hügel wirken im Schwarzweißfilm wie eine Wüste. Rom ist teils übervoll, teils menschenleer, mit riesigen Scherbenhaufen, Friedhöfen, modernen Bauten, antikisierenden Statuen.

Bei einem Strandbesuch entfernt Cesare sich von seinen Freunden, diese befürchten schon, dass er ertrunken ist. Beim späteren Picknick entsetzt Cesare seine Freunde mit der Vorstellung, dass sie alle schon Gespenster seien. Kunst, Liebe, Sex, Naturwissenschaft, Medizin, Gerechtigkeit, Verbrechen, Reiselust, Vergangenheit, Zukunft, nichts kann Cesare im Leben halten.

In einer Szene kurz vor Ende des Films soll ihm der Arm gebrochen werden, damit er durch Versicherungsbetrug zu Geld kommt. Doch im letzten Moment macht er einen Rückzieher – unsere Angst vor dem schmerzhaften Tod.

Der Film ist ein Meisterwerk – aber nicht schön. Die Bildsprache ist ästhetisch ohne zu ästhetisieren. Dabei ist er voll Symbolik, besonders der Zebrastreifen kehrt als Motiv immer wieder, Kreuzungen, Ampeln, die “Avanti” sagen. Das Ziel ist die Entfremdung des Publikums. Konsequent wird Cesare und dem Publikum die Sinnfindung verweigert. Nichts hält die Seelenluftballons im Hier und Jetzt.

Als ich den Film Anfang 2012 im Österreichischen Filmmuseum sah, war ich tief beeindruckt, besonders weil mich die anderen Filme Elio Petris überhaupt nicht ansprachen. Ihr Blick war auf die Art männlich, in die ich mich absolut nicht hineinfühlen kann, weil sie mir komplett fremd ist. Die damals ebenfalls gezeigten Filme von Giuseppe de Santis haben mir viel besser gefallen.

Aber dieser Film ist anders. Für mich ist er universal menschlich. Denn er drückt genau die Entfremdung, die ich manchmal seit dem Tod meines Vaters verspüre aus. Timtimsia hat in ihrem Comic “Death Note” dieses Gefühl auch aufgezeichnet.

Und gerade weil er mich so beeindruckt hat, wollte ich den Film unbedingt noch einmal sehen, als ich erfuhr, dass es in Berlin gerade eine Elio Petri-Retrospektive gibt. Als hätte er auf mich gewartet. Dabei führt Berlin jedes Mal ein wenig zum Wegfliegen des Seelenluftballons. Aber diesmal wusste ich schon, was passieren würde und jetzt genieße ich dieses Gefühl gerade.

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