Die Frau ist frei geboren. Eine Comicbiografie über Olympe de Gouges

Ich möchte euch einen Comic ans Herz legen, eine Biografie Olypme de Gouges von José-Louis Bocquet (Text) und Catel Muller (Zeichnungen), in deutscher Übersetzung erschienen im Splitter-Verlag, mit dem Titel “Die Frau ist frei geboren”. Olympe de Gouges hat z.B. der “Erklärung der Rechte des Mannes und Bürgers” ihre “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin” zur Seite gestellt – eine revolutionäre Tat.

Der Comic beginnt schon radikal – Olympes Eltern, Anne-Olympe Gouze und Jean-Jacques Lefranc de Pompignan liegen zusammen im Bett und reden über ihr zukünftiges Kind. Dann schlafen sie miteinander. Ich finde das radikal, da Sex in der Schwangerschaft ein ziemliches Tabuthema ist.

Auf diesen ersten Seiten wird allerdings die Komplexität des Comics schon ausgezeichnet sichtbar. Da liegen nicht nur zwei Menschen miteinander im Bett, sondern auch das 18. Jahrhundert, seine Hierarchien, seine Gesellschaft. Olympe de Gouges Eltern sind nicht mit einander verheiratet, ihre Mutter Anne-Olympe ist mit einem anderen Mann verheiratet und muss nach ein paar Stunden wieder gehen, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Im Bett wird auch darüber gesprochen, wie das mit der Freiheit ist (nur für Reiche sagt Anne-Olympe), ob Jungen oder Mädchen besser sind (Jungen, sagt der zukünftige Vater), die etwas sonderbare Beziehung zwischen Olympes Mutter und ihrem Vater (kannten und liebten sich schon als Kinder, Olympes Vater ist Anne-Olympes Taufpate, aber heiraten konnten sie nicht, weil er adelig ist) wird angeschnitten. Anne-Olympe wird einerseits liebe- und lustvoll, andererseits als Besitz behandelt. Am Ende des ersten Kapitels wird Olympe de Gouges – eigentlich Marie Gouze – geboren und mit den Worten “Es ist leider nur ein Mädchen” begrüßt. Auf der Seite des Splitter-Verlages könnt ihr dieses erste Kapitel nachlesen.

Ich erzähle euch jetzt nicht den ganzen Inhalt des Comics, immerhin umfasst der 480 Seiten, in der fembio-Datenbank von Luise Pusch gibt es aber einen Eintrag zu Olympe de Gouges, der sehr informativ ist. Da ich mich nicht wirklich eingehend mit Olympe de Gouges bzw. Frankreich im 18. Jahrhundert beschäftigt habe, kann ich euch nicht sagen, ob der Comic 100% “historisch korrekt” ist. In der Bibliografie steht: “Der biografische Rahmen dieses Buches findet seine Quellen in den autobiografischen Schriften von Olympe de Gouges, aber auch bei drei Autoren, die Olympes bahnbrechende Arbeiten einem breiten Publikum offenbarten: Benoite Groult (…), Olivier Blanc (…) und Félix-Marcel Castan (…).” Es folgen 5 Seiten Quellen bzw. weiterführende Literatur – was ich positiv finde. Zusätzlich finden sich noch ein- bis zweiseitige Biografien der wichtigsten Personen, die außer Olympe im Buch vorkommen. Ihre “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin” ist auch zur Gänze (mit Präambel) im Comic nachzulesen.

Allerdings ist es auch bei Comics so wie bei Filmen und bei Geschichte im Allgemeinen: Die 100%ige Wahrheit kann nicht garantiert werden. Aber anstatt zu simplifizieren, stellt der Comic Menschen mehrdimensional dar und macht klar, unter welchen Zwängen – ökonomischen, gesellschaftlichen – die Menschen leben. Olympe de Gouges wird in allen ihren Facetten dargestellt, interessiert an Wissenschaft und Bildung, Politik und Philosophie, romantisch, theater- und literaturliebend, traumatisiert, empathisch, scharfsinnig, sexuell aktiv, humorvoll, kritisch, sich um ihre Familie und Freund*innen sorgend.

Der Comic selbst ist schwarz-weiß und erinnert mich teilweise ein wenig an Holzschnitte (wegen der vielen Schraffuren). Dabei ist er sehr detailreich, aber nicht bis zur Unübersichtlichkeit detailliert. Bei großen historischen Ereignissen geht ein Bild schon über eine ganze Seite, ansonsten sind die Seiten in wechselnd große Panels aufgeteilt (meistens 5 bis 6). Die Schrift hat eine angenehme Lesegröße, insgesamt ist das Lettering aber ein wenig unruhig. Besonders eindrücklich finde ich die lebendige Mimik – speziell in den Frauengesichtern ist genau zu lesen, wie sie sich in bestimmten Situationen fühlen. Die Figuren sind individuell gezeichnet, d.h. es gibt wenig “generische” Gesichter und sie sind gut auseinanderzuhalten – finde *ich*. Da gibt es auch andere Ansichten dazu.

Was mir an dem Comic aus feministischer Perspektive auffällt, ist der Umgang mit Nacktheit und Sexualität. Einerseits wird Sex als lustvoll für Frauen (nicht nur Olympe) dargestellt und als mehr als PIV, andererseits wird aber auch die Realität gezeigt, in der Olympe lebt – an dieser Stelle eine Triggerwarnung wegen sexueller Gewalt. Diese wird nicht ausgedehnt und sexualisiert dargestellt, ist aber vorhanden. Primäre Geschlechtsorgane sind nie zu sehen – weder männliche noch weibliche, nicht einmal Schamdreiecke – was zum Teil ein wenig sonderbar wirkt. Nacktheit kommt in Situationen wo Nacktheit zu erwarten ist vor: Wenn zwei miteinander schlafen (aber nicht immer – manchmal sind sie auch bekleidet), wenn Kinder gestillt werden, wenn gebadet wird.

Andererseits gibt es auch Szenen, in denen ich mich frage, welche “gaze” hier angesprochen werden soll, z.B. eine Szene in der Olympe nackt in der Badewanne sitzt, dann aufsteht und sich abtrocknet, während sie mit ihrer Schwester redet. Warum wurde dieses Setting gewählt? Zu einem früheren Zeitpunkt gibt es eine Szene, in der Olympe ebenfalls in der Badewanne sitzt und mit ihrer Schwester redet – da hat sie allerdings eine Kopfbedeckung und einen Bademantel (ja, das gab’s) in der Badewanne an. Sollen diese Szenen die sich verändernde “Bademoral” zeigen? Die Intimität, die zwischen den Schwestern besteht? Darstellen, wie gerne Olympe Bäder nimmt? Beide Male geht es um Geld für Olympes Mutter.

In einer anderen Szene kühlt eine Frau bei einem Picknick ihre Füße in einem Fluss – dabei zieht sie aber den Rock weit über die Oberschenkel hoch. Wozu? Zweimal wiederholt sich die Szene, dass Männer auf einem Stück Papier schreiben, das auf der nackten Olympe liegt. Hat sie da ihren Consent gegeben, zum Schreibtisch zu werden? Angesichts der Tatsache, dass die Comic-Olympe durchaus ihren Unmut bzw. Unwillen ausdrückt, wenn sie nicht will … *schulterzuck* Andererseits finde ich persönlich keines der Bilder von nackten Menschen in diesem Comic besonders auf “sexy” ausgelegt (vielleicht auch wegen dem Zeichenstil) – da habe ich schon ganz andere Bilder gesehen.

Olympe de Gouges hat sich sehr gegen die Sklaverei eingesetzt und hatte auch Kontakt zu Schwarzen Menschen (zumindest laut Comic). Diese werden auch im Comic dargestellt und zwar als Individuen (also unterschiedlich gezeichnet). Besonders oft kommt Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George vor. Dadurch, dass ich den Comic in der deutschen Übersetzung gelesen habe, kann ich leider nicht entscheiden, was von der Verwendung des N-Wortes zu halten ist, das allerdings vor allem den Schwarzen Figuren in den Mund gelegt wird. Da hätte ich mir eine kritische Anmerkung, z.B. der Übersetzerin gewünscht, um zu erfahren, was in der französischen Ausgabe steht bzw. warum hier ausgerechnet dieses Wort verwendet wurde. Irgendwie reicht mir da die “historische” Begründung nicht. Hmmm.

Natürlich kann die Lektüre dieses Comics eine eingehende Beschäftigung mit Olympe de Gouges nicht ersetzen. Aber erstens ist der Comic wirklich gut zu lesen und zweitens werden so viele Themen angeschnitten, die dann beim eventuellen weiterführenden Studium verfolgt werden können, dass sich die Lektüre wirklich lohnt.

Hier sind noch ein paar Links zu anderen Kritiken (ich hab jetzt nur die genommen, die ich selbst gut fand, d.h. v.a. ausführlich und ohne inhaltliche Fehler):

Auf Comicgate von Jons Marek Schiemann

Auf Comicblog.de von Michael Nolden

Am Ende dieses Blogposts von Lucie auf Kleinerdrei

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