Es reicht schon aus … Ein Gespräch über Mobbing, Teil 3

Auf einen Blogpost von mir sprach mich eine liebe Bekannte an, die mir von dem Mobbing, dem sie ausgesetzt war erzählte, allerdings in Form eines geschützten Blogposts. Daraufhin kam mir die Idee, ein Gespräch mit ihr zu führen, in dem sie anonym und daher geschützt von ihren Erfahrungen berichten konnte. Es ist dieses Gespräch geworden – ein sehr langes, trauriges, schönes Gespräch. Aufgrund der Länge teile ich es in drei Teile. Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.

[Triggerwarnung Mobbing, Sexismus, Bodyshaming]

A(nna): Und wie ist es mit den Folgen für dich persönlich? Als ich mit dem Gymnasium fertig war und an die Schweizer Kunstschule kam, an der ich ein freiwilliges 13. Schuljahr verbrachte und dort freundlich aufgenommen wurde, habe ich den Entschluss gefasst, mich von meinen Peinigern nicht unterkriegen zu lassen. Mein Erfolg – ein zufriedenes Leben zu führen, so wie es mir passt (das ist mittlerweile bei mir “Erfolg”) – würde meine Rache sein, nahm ich mir vor. Ich denke jetzt auch nicht mehr so oft an meine Schulzeit, weil ich mich nicht von ihr bestimmen lassen will (der Beginn meiner Zeit im Gymnasium ist auch schon über 20 Jahre her). Wie ist das bei dir?

Person A: Als es mir besser ging, erkannte ich einige meiner Peiniger*innen als Personen, die gar nicht im Recht waren, mich wegen meines Aussehens zu mobben. Ich erkannte, dass sie gar nicht die wunderschönen und perfekten Menschen waren, die ein Recht hatten, mich zu kritisieren, da keine Person, egal wie sie aussieht, das Recht hat, eine andere Person für ihr Aussehen zu diffamieren. Mein Erfolg war, dass ich versuchte, mich nicht mehr darum zu kümmern, wie ich aussah, endlich wieder in den Spiegel sehen konnte und langsam mit meinem Körper zufrieden war. Ich habe heute noch immer Minderwertigkeitkomplexe wegen meines Gesichts, meiner breiten Hüften und Schenkel, aber ich traue mich dennoch in Bikini und kurzen Hosen nach draußen.

Sonstige Folgen habe ich ja bereits angesprochen, ich fühle mich unwohl, wenn eine Person tuschelt, da ich immer automatisch davon ausgehe, dass es um mich geht (auch wenn das natürlich nicht der Fall ist. Ich weiß das, aber der Reflex ist da.). Ich hasse es, wenn andere Menschen lästern, vor allem, wenn die Person in Hörweite ist. Wenn unter 4 Augen mal etwas negatives über einen Menschen gesagt wird, ok, aber nicht so halblaut, dass sich die Person angesprochen fühlt und nicht sicher ist, ob jetzt von ihr geprochen wird.

A: Ich denke manchmal drüber nach, ob ich ohne das Mobbing auch zu so einer empathischen Person geworden wäre. Auch wenn ich in Einzelfällen nicht immer “nett” bin und noch viel lernen muss, hege ich doch eine große Sympathie für die Menschheit im Allgemeinen und mag es nicht, wenn andere alle Menschen als dumm oder Idioten oder Arschlöcher bezeichnen. Aber andererseits denke ich mir – musste ich erst leiden, um das Leid anderer Personen zu sehen und mitzufühlen? Das kann’s ja nicht sein. Ich war schon ein empathisches Kind, von daher hätte es dieses Leid nicht gebraucht. Niemand “braucht” sowas.

Person A: Ich glaube, ich weiß was du meinst. “Muss ich erst diskriminiert werden, um Diskriminierung zu sehen?” Ich war vor dem Mobbing ebenfalls ein freundliches Kind, das immer ein offenes Ohr für andere hatte und ihnen gern geholfen hat. Das tue ich auch heute noch gerne.

Ich denke, etwas selbst erlebt zu haben spielt eine große Rolle, ob ich mich in das Leid einer fremden Person einfühlen kann. Wir spüren es ja häufig unter allen möglichen Themen, sei es “Aufschrei”, in denen nicht betroffene Menschen Übergriffe herunterspielen, oder sei es, etwas weniger emotional, der NSA Skandal, der Frau Merkel erst aufrüttelte, als sie selbst betroffen war.

Demgegenüber muss ich aber sagen, dass es sehr wohl Personen gibt, die für andere Empathie empfinden, ganz ohne selbst diese Situation erlebt zu haben.

A: So sollte es eigentlich überhaupt sein, dann hätten wir viele Probleme nicht. Mir kam im Lauf unseres Gesprächs der Gedanke, ob vielleicht eine spätere Trennung der Kinder in die verschiedenen Schulzweige sinnvoller wäre. Also eine Gesamtschule, da wir beide aufgrund des Wechsels auf eine andere Schule aus unserem Zusammenhang gerissen wurden.

Person A: Es spricht viel für eine Gesamtschule, unter anderem aus dem genannten Grund der Klassengemeinschaft. Es gibt viele Probleme bei Übergängen in die nächste Schulart und eine Verzögerung der Trennung einer Klassengemeinschaft kann durchaus helfen, eine starke Klassengemeinschaft aufzubauen. Leider ist mit der Gesamtschule das Thema Mobbing nicht aus der Welt geschafft, da Mobbing bereits in der Grundschule (sogar im Kindergarten) beginnen kann.

A: Natürlich geht es leider nicht so einfach. Ich habe mich noch gar nicht so mit Anti-Mobbing-Maßnahmen beschäftigt, weil ich so verletzt war. Was würdest denn du für sinnvoll halten?

Person A: Sinnvoll ist es, die Lehrer*innen zu schulen, Mobbing zu erkennen. In einem freiwilligen Seminar in der Lehrausbildung kam eine Psychologin, die die angehenden Lehrer*innen in Gesprächsführung schulen sollte. Beim Thema “Mobbing” wurden in einem Rollenspiel genau die Mobbingmethoden wiederholt und auf mich angewandt, wie damals in meiner Schulzeit, ohne dass darüber reflektiert wurde.

Gemeinsam mit der Klasse mit dem Kind reden, eine*n Anführer*in ausmachen und im gemeinsamen Gespräch mit dem betroffenen Kind eine Lösung finden. In meinem Fall hat das damals leider nicht geholfen, ich möchte dieser Methode nicht ihre Wirkung absprechen, sicher kann es helfen, aber leider kann das betroffene Kind dabei wie eine Petze dastehen und noch mehr Ansehen verlieren.

Der Höhepunkt des Seminars war jedoch die Aussage, dass sich die meisten Kinder das Mobbing nur ausdenken, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich will nicht bestreiten, dass es das gibt, aber es wurde eher als der Normalfall dargestellt. Ich denke, wer meine Aussagen bisher las, kann sich in etwa vorstellen, wie ich mich in diesem Moment fühlte.

Ich bekam Zweifel. Hatte ich mir das etwa nur eingebildet? Hatte ich das falsch verstanden? Mir alles nur ausgedacht? Es schlimmer gemacht als es ist? Als ich mein Tagebuch las und mich daran erinnerte, konnte ich es aber nicht leugnen. Es gibt Episoden, die im genauen Wortlaut in meinem Kopf sind, die immer wieder hochkommen, sogar noch mehr als hier beschrieben. Ich bin mir recht sicher, dass ich mir diese 5 Jahre nicht eingebildet habe. Ich wünschte, es wäre so.

A: Wie schrecklich :( Klassisches Victimblaming bzw. Täter*innen-Opferumkehr. Und dann noch die Erfahrungen absprechen – wie kann so etwas nur unreflektiert weiterverbreitet werden?

Ich denke mir, dass echte Inklusion – also das Unterrichten von allen Kindern gemeinsam – und die ausdrückliche Betonung von liebevollem, wertschätzendem Umgang miteinander schon ganz früh sehr sehr wichtig ist. Aber da komme ich dann in Gebiete, wo ich mich zu wenig auskenne – ich will einfach nur, dass Mobbing endlich ganz verschwindet und auch Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ageismus, Ableismus und alle Diskriminierungen, die ja eigentlich andauerndes Mobbing sind.

Person A: Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, was ich mir gewünscht habe, was ich gebraucht hätte. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und kann anders das Mobbing überwinden, ich kann hier nur meine Vorschläge unterbreiten. Wenn mehr Personen etwas anderes dazu beitragen können, wäre ich sehr dankbar.

Ich wollte damals, dass eine Person das Mobbing bemerkt. Mir hat kein Mensch geglaubt, die Lehrer*innen haben es nicht bemerkt, da es eben in Pausen und Freistunden besonders schlimm war. Ich hätte am liebsten eine versteckte Kamera gehabt, um alles aufzuzeichnen. Natürlich will ich kein Kind verkabeln(!), aber eine genaue Beobachtung einer*s Lehrerin*s oder einer außenstehenden Person beim Verdacht auf Mobbing kann helfen

Was mir persönlich geholfen hätte, wäre einfach eine Person, egal ob Lehrer*in, Elternteil oder sonstwer, die mir (im Vertrauen) sagt: “Hey, ich bin bei dir. Wenn es dir schlecht geht, komm zu mir. Ich glaube an dich.”

A: Bei mir merkten es einige Lehrer*innen schon. Schließlich wurde ich an der Tafel zum Heulen gebracht. Aber es gab keine Konsequenzen. Meine Klassenlehrerin meinte bei der Maturafeier (Abifeier) zu mir und meinem Quäler: “Du und der X, ihr habt euch nie ganz verstanden, gell?” Ich hätte sie am Liebsten angeschrien. Wenn sie es doch gemerkt hat – warum hat sie nie etwas getan? Dass unsere Eltern uns so im Stich gelassen haben, finde ich auch ganz schlimm. Es sollte in den Schulen bei den Elternabenden Fortbildungen geben, wie Anzeichen von Depressionen und Mobbing zu erkennen sind und was getan werden kann.

Person A: Das sind alles wunderbare Maßnahmen, aber es ist oft weder Geld noch Zeit vorhanden. Die Schule und die Lehrer*innen sind mit Aufgaben überlastet und es gibt zu wenig Personal, wirklich umfassend helfen zu können. Natürlich möchte ich eine*n Lehrer*in, die sich Zeit nimmt und beobachten kann, aber es ist in der jetzigen Schule leider nicht möglich, allübergreifend solche Lösungen einzuführen.

A: Leider scheint das fast überall so zu sein :( Aber dass Mobbingprävention nicht mal in der Ausbildung verpflichtend ist und richtig gelehrt wird! *seufz*

Person A: In der Lehrer*innenbildung werden diagnostische Verfahren aufgezeigt, z.B Soziogramme, die zeigen, wie die Klasse aufgebaut ist. Gibt es Cliquen, Aussenseiter*innen, Ausgegrenzte, Klassenstars?

A: Aber dann ist es schon sehr spät. Besser wäre es, gleich von Anfang an eben daran zu arbeiten, dass Mobbing erst gar nicht entsteht. Aber da wären wir ja schon fast bei der Weltrevolution, leider.

Person A: Ich denke, dabei ist es wie mit einer Krankheit. Wir können versuchen, uns präventiv davor zu schützen, aber wenn etwas ausgebrochen ist, ist es vor allem wichtig, es zu diagnostizieren und zu behandeln.

A: Natürlich. Ich kann mir z.B. vorstellen, dass gleich in der Grundschule thematisiert wird, was Freundschaft, gegenseitiges Verständnis und so heißt. Dazu gibt es ja tausende Bücher, Spiele, etc.

Person A: In der Grundschule wird in den letzten Jahren viel Wert auf die sogenannten “emotionalen Kompetenzen” gelegt. Dabei geht es um Freundschaften, Empathie, Zusammenhalt, Toleranz, Akzeptanz, Familiensituationen und dergleichen. Natürlich muss dennoch ein straffer Lehrplan durchgezogen werden und viel bleibt auf der Strecke.

A: Sicher gibt es da auch das Problem, dass mit dem Übertritt in die nächste Schulstufe die emotionale Bildung komplett vernachlässigt wird.

Eine Frage hätte ich noch: Wie siehst du es mit dem “Vergeben”? Es gibt viele Menschen, die meinen, wir sollten denen vergeben, die uns Böses angetan haben, auch wenn es extreme Gewalt war. Ich für meinen Teil habe ein Problem damit. Vielleicht wenn die Personen, die mich gemobbt haben, ihre Schuld einsehen und mich ehrlich um Verzeihung bitten. Bis dahin versuche ich eigentlich, möglichst nicht an sie zu denken. Wie siehst du das?

Person A: Es gibt Menschen, denen ich nicht vergeben kann. Von den etwa 30 “aktiven” Mobber*innen sind das aber nur 2. Eine sehe ich nicht mehr, die andere wohnt in meiner Nähe, aber ich habe keinen Kontakt zu ihr und möchte auch keinen aufbauen.

Allerdings sind ein paar Mädchen (5, um genau zu sein) später auf mich zugekommen und haben sich aufrichtig bei mir entschuldigt. Mit ihnen hatte ich in den letzten Schuljahren dann in den Pausen und auf Feiern Kontakt und wurde auch nicht enttäuscht. Ich wollte bei ihnen nicht nachtragend sein, es hätte mir persönlich nichts gebracht.

Wenn eine Person um Vergebung bittet, sollte die Möglichkeit überdacht und nicht sofort abgelehnt werden. Aber ich verstehe es sehr gut, wenn ein*e Betroffene*r nicht vergeben kann oder will. Es kann wirklich sehr schwer sein.

A: Das finde ich einen guten Standpunkt. Damit sind wir vorläufig mal am Schluss angekommen. Bzw. könnten wir jetzt noch lange über den Einfluss der Medien und der patriarchalen Gesellschaftsstruktur etc. weiterreden, aber sparen wir uns das für ein anderes Mal auf :) Hast du noch Fragen an mich?

Person A: Hast du noch weitere Verbesserungsvorschläge?

A: Da muss ich überlegen. Allgemein wünsche ich mir, dass Mobbing ernster genommen wird, dass es mehr Aufklärung darüber gibt – es gibt ja dann auch Mobbing am Arbeitsplatz, etc. Dass akzeptiert wird, dass es sich dabei um schwerste psychische Gewalt handelt, die nicht so einfach übertaucht werden kann. Und dass Mobbingopfer immer schützenswert sind, so wie Opfer von physischer Gewalt und dass sie bei der Aufarbeitung der Folgen unterstützt werden.

Darum wollte ich ja (auch) mit dir darüber sprechen – um sichtbar zu machen, was geschieht, was für Folgen Mobbing hat, um Menschen damit zu konfrontieren und zu sensibilisieren. Hoffentlich hat es dich nicht zu sehr belastet, darüber zu sprechen, bei mir ist es ja doch schon länger her und ich versuche ja möglichst gegen die Folgen anzukämpfen.

Jedenfalls bin ich so ungeheuer froh, dass du noch da bist. Dass es dir gut geht und du darüber reden kannst. Trotz allem. Und du bist stark genug, dass du dich nicht von den Menschen abgewandt hast. Darüber bin ich froh.

Person A: Darüber bin ich auch sehr froh. Auch, dass du dich wieder freuen kannst und deine Peinigungen vergessen kannst. Ich hoffe wirklich, dass alle diskriminierten Menschen ihre Erfahrungen teilen und verarbeiten können und wir gemeinsam versuchen, die Diskriminierung einzudämmen. Danke für die Möglichkeit, meine Erfahrungen zu teilen. Vielleicht hilft es anderen Menschen, vielleicht stößt es zum Nachdenken an. Ich bin froh, dieses Interview geführt zu haben. Vielen herzlichen Dank für die Plattform, dein Zuhören und deine Erfahrungen!

A: Dafür ebenfalls vielen Dank und danke dafür, dass du mit mir gesprochen hast.

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11 thoughts on “Es reicht schon aus … Ein Gespräch über Mobbing, Teil 3

  1. Das ist ein wirklich berührendes Gespräch und dafür möchte ich Danke sagen!

    Ich kenne Mobbing auch, aber wie ich leider sagen muss: Sowohl aus Opfer- als auch aus Täterperspektive :( Die einzige Entschuldigung, die ich dafür habe ist, dass ich damals erst 11/12 Jahre alt war. Und vielleicht, weil ich froh war, dass es nicht mich getroffen hat. Heute schäme ich mich wahnsinnig dafür. Und weil ich jetzt nicht irgendwie auf die “Mimimi, ich habe gemobbt, aber hört mal, was MIR passiert ist!”-Tour kommen will, verzichte ich hier auf meine Erfahrungsberichte als Opfer.

    Inzwischen ist noch eine weitere Perspektive dazu gekommen: die der Lehrperson, auch wenn ich mit meiner Ausbildung noch nicht fertig bin. Trotzdem mache ich mir vermehrt Gedanken darüber, wie man als Lehrerin auf Mobbing reagieren kann. Ehrlich gesagt habe ich keine gute Idee dazu. Die Maßnahmen, die bei euch ergriffen worden sind, sind jedenfalls offensichtlich Mist! Und “einfach für das Kind da sein” ist sicher schon mal ein Anfang und für die Betroffenen erleichternd, aber ich könnte mich damit nur ungern zufrieden geben.
    Nur, was wären denn geeignete Maßnahmen? Was hättet ihr euch von euren Lehrern darüber hinaus gewünscht? Das sind Fragen, die ich mir stelle und für die ich hoffentlich eine Lösung finde, bis ich selbst in eine solche Situation gerate.

    Schlimm war es während eines Praktikums – da bekam ich während einer “Klassensitzung” mit, dass eine 6. Klasse, die ich bis dahin eigentlich sehr mochte, eine Mitschülerin mobbt. Das ging bis zu Telefonaten, deren Inhalt mich einfach sprachlos machte. Für mich besonders schlimm: Das Mädchen war in die Klasse gekommen, als sie wegen sexuellen Missbrauch in ihrer Familie zu einer Pflegefamilie kam und deshalb die Schule wechselte. Wie weit ihre Mitschüler davon wussten – ich kann es nicht sagen. Allgemein ist es aber wohl so, dass man sowas vor Schülern nicht wirklich geheim halten kann. Und der Inhalt der Telefonanrufe spricht auch für sich :/
    Ganz persönlich würde ich da am liebsten völlig ausrasten. Die Kinder anschreien, sie fragen, was sie für Monster sind, ein so armes Mädchen noch zusätzlich terrorisieren zu müssen. Aber das geht ja (leider?) nicht.
    In dieser konkreten Situation (das Mädchen war übrigens nicht anwesend, es hatte viele Fehlstunden) war ich leider ja zum Zusehen verdammt. Überhaupt war der gesamte Umgang mit diesem Kind, AUCH von Lehrerseite, einfach nur zum Kotzen. Das hat mich so wahnsinnig schockiert. Leider habe ich mich damals nicht getraut, etwas zu sagen – das wäre heute anders.

    • Also ich hätte mir von meinen Lehrer*innen erstens sofortiges Eingreifen in Situationen (an der Tafel zum Heulen gebracht werden) gewünscht und dann – ev. einfach direkt darauf angesprochen werden. Dann hätte ich mich entscheiden können, ob und wie ich etwas erzähle und die Lehrer*innen hätten z.B. eine Schulpsychologin zu Rate ziehen können, mal ernsthaft mit meinen Eltern reden können, die Situation in der Klasse auf z.B. subtile Weise lösen können (also nicht Konfrontation).

      Aber dazu müssen Lehrer*innen halt auch sensibilisiert sein, eingreifen wollen und können, Ressourcen da sein etc.

      Für mich gab’s ja die Schulbibliothek als Safe Space – wie wäre es mit beaufsichtigten, angenehm gestalteten Räumen für die Schüler*innen? Andererseits ist das auch nur Symptombekämpfung.

      Ich denke mir, dass offenes Ansprechen und gemeinsame Sensibilisierung durch Thematisierung im Unterricht was bringen kann, wenn klar wird, dass hier eine Person als außerhalb der “Norm” wahrgenommen wird.

      Aber eigentlich sollte da schon viel früher angesetzt werden, wie ich ja in den anderen Teilen meinte.

      • “Also ich hätte mir von meinen Lehrer*innen erstens sofortiges Eingreifen in Situationen (an der Tafel zum Heulen gebracht werden) gewünscht und dann – ev. einfach direkt darauf angesprochen werden. Dann hätte ich mich entscheiden können, ob und wie ich etwas erzähle und die Lehrer*innen hätten z.B. eine Schulpsychologin zu Rate ziehen können, mal ernsthaft mit meinen Eltern reden können, die Situation in der Klasse auf z.B. subtile Weise lösen können (also nicht Konfrontation).”

        Ja, das ist für mich auch wirklich völlig unverständlich, warum der Lehrer da nichts gesagt hat. Es gibt ja durchaus subtile Mobbingsituationen, die den Lehrern entgehen können, aber wenn es so krass ist, müsste doch jeder sofort einschreiten.
        Mich hat man mal beim Kinderturnen zum Heulen gebracht, weil ich kein Rad schlagen konnte. Die Frau, die das damals angeboten hat, hat alle anderen Kinder directamente zur Rede gestellt und richtig angefaucht. Dann waren sie still.
        Die einzige Erklärung, die mir da einfällt: Vielleicht war der Lehrer selbst zu platt, um darauf zu antworten. Aber wer da bewusst nicht einschreitet, hat wohl seinen Beruf verfehlt.

        “Aber dazu müssen Lehrer*innen halt auch sensibilisiert sein, eingreifen wollen und können, Ressourcen da sein etc.”

        Ja, oft fehlt auch einfach die Zeit :( Der gesamte Standort Schule gehört gründlich reformiert.

        “Für mich gab’s ja die Schulbibliothek als Safe Space – wie wäre es mit beaufsichtigten, angenehm gestalteten Räumen für die Schüler*innen? Andererseits ist das auch nur Symptombekämpfung.”

        Das ist an sich eine schöne Idee, aber ich befürchte, dieser Platz wäre innerhalb kürzester Zeit von den eher “coolen” Kids okkupiert. Sie davon abhalten ginge ja nicht, dann würde man die Mobbingopfer zusätzlich stigmatisieren, wenn erst eine Art Nachweis erbracht werden muss, dass man gemobbt wird. Dann würde dieser Platz innerhalb kürzester Zeit zum “Hirni-Raum” – und die Täter würden nur einen Flur weiter drauf warten, bis ihr Opfer endlich rauskommt.
        Bei der Bibliothek war das insofern noch anders… die ist ja zum Rumhängen zu uncool und wohl bei vielen nicht auf dem Schirm. Ich hab zwei Jahre lang die Schulbibliothek betreut, da hat sich so selten jemand hin verirrt :/
        Eher könnte man versuchen, den Schulhof und andere Pausenräume sicherer zu machen, nur geht das von Lehrerseite aus schlecht, dafür sind einfach nicht die Kapazitäten da. Es gibt doch in einigen Schulen schon so Ansätze, die Schüler selbstständig ihre Dispute durch einen Schlichter lösen zu lassen. Vielleicht könnte man das in Richtung einer “Pausenaufsicht” ausweiten… also ältere, vertrauenswürdige Schüler, die selbst in der Pause sind, aber einfach ein bisschen darauf achten, dass es zu keinen Übergriffen kommt und die gegebenenfalls auch als Zeuge auftreten können?

        “Ich denke mir, dass offenes Ansprechen und gemeinsame Sensibilisierung durch Thematisierung im Unterricht was bringen kann, wenn klar wird, dass hier eine Person als außerhalb der “Norm” wahrgenommen wird.

        Aber eigentlich sollte da schon viel früher angesetzt werden, wie ich ja in den anderen Teilen meinte.”

        Das ist auf jeden Fall nötig. Als ich in die Schule ging, wurde Mobbing noch nicht thematisiert, das ist heute ja schon teils anders.

  2. Danke für diese umfangreiche Mühe. Da werden Erzählungen von mir sehr lieben Menschen wieder wach, und auch ein paar eigene sehr unschöne Erinnerungen. Das Mitmachertum, die Erleichterung, nicht selbst zur Zielscheibe zu werden, scheint mir mit der ausschlaggebende Effekt zu sein, denn ‘Alphalwölf*innen’ allein könnten nie so einen Druck ausüben. Leider denke auch ich dass sehr viel von dem, was zu Mobbing führt, mit Verhältnissen zu tun hat welche zu ändern in eine ‘Weltrevolution’ münden. Aber hier und heute die Augen aufzumachen, was im eigenen Umfeld passiert, oder Betroffenen auch erst einmal zu glauben, was sie erzählen, oder zumindest erst einmal zuhören statt ihnen “Schwäche”, Paranoia und sonst was vorzuwerfen, für diese Leute da zu sein und sich ihrer nicht zu ‘schämen’, das geht und kann eine Menge Unterschied bedeuten, in jedem Fall für die einzelne gequälte Seele.

  3. Vielen Dank für das Gespräch, ihr beiden, ich hoffe, es hat euch nicht nur weh getan die alten Wunden aufzureißen, sondern hat auch ein bisschen geholfen, darüber zu sprechen.

    Ich kann zum Glück sagen, dass mir nie so schlimm zugesetzt wurde wie euch (oder vielleicht doch? Ich kann mich heute an einige Jahre meiner Kindheit kaum mehr erinnern), aber was ich verstörend finde und was die meisten Menschen nicht bedenken, ist, wie lange diese Sachen bei einem bleiben. Gerade diese Pubertätjahre sind persönlichkeitsbildend und wir sind maßgeblich davon geprägt, wie wir uns und andere Menschen in dieser Zeit erfahren.

    Mir passiert es zumindest regelmäßig, dass die Erinnerungen hoch kommen und mich absolut lähmen, obwohl seitdem zehn und mehr Jahre vergangen sind. Alte Muster kommen wieder hoch, es fällt mir immer noch unfassbar schwer, mich in Gruppen zurechtzufinden und Menschen zu vertrauen und ja: ich bin auch mehr so IM Wasser gebaut als nah daran. Die Schulzeit geht vorbei, ja, aber was da passiert ist, nimmt man mit sich, egal, wie weit und lange man schon davon getrennt ist.

    Es ist unfassbar, wie schlecht Eltern und Lehrer mit solchen Situationen umgehen und es ist dasselbe wie überall: Wer kein Opfer war, nimmt das Problem nicht ernst. :(

  4. Manchmal müssen die Konsequenzen härter sein, vor allem, nachdem ein höfliches und friedliches Gespräch nichts gebracht hat. Bei Mobbing ist das Wichtigste, dass es aufhört, bevor noch mehr Schaden geschieht.

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