Die Schweizerinnen* und die Geschichte von Unten

In der Schweiz wird gerade eine vierteilige Fernsehserie ausgestrahlt, Titel: “Die Schweizer”. Beworben und dargestellt werden? Männer. Richtig. Nein, es gab nie Schweizerinnen. Es gab nie Frauen! Nie! Merkt euch das doch endlich! Frauen gibt es nicht und hat es nie gegeben. (Und Menschen jenseits der Gendernormen erst recht nicht.) Nutzlos ihre Geschichte zu erforschen, sie darzustellen. Es gibt sie nicht.

Zumindest scheint es so. Immer noch. Im Jahr 2013. @co_g schreibt in ihrem Blog aufZehenspitzen ein wenig resigniert: “Feminismus hat keine breitflächige Unterstützung – nicht in den Medien, nicht in der Politik, nicht in der Gesellschaft. Es ist einfach niemand da außer uns.” Und ich möchte sagen: Ja. Und ich möchte sagen: Aber wir sind da. Wir und viele andere, die wir vielleicht gar nicht sehen, welche einzelne Person kann schon alles lesen, was passiert, wenn sie dafür nicht bezahlt wird und selbst wenn? Ich persönlich möchte auch sagen: Je sichtbarer wir werden, je mehr wir unsere Inhalte für breite Kreise öffentlich zugänglich machen, desto mehr werden wir. Hoffe ich. Trotz allem Hass, trotz allen Schmerzen, trotz dem täglichen Kampf, trotz der Arbeit, die das alles macht und die uns meistens nicht bezahlt wird. Wobei ich keiner*m vorschreiben will, das tun zu müssen. Echt nicht. Aber ich freue mich, wenn ihr es tut.

Darum schreibe ich jetzt über etwas, das Historiker*innen, die sich mit Frauen- und Geschlechtergeschichte auseinandersetzen, zum Teil schon sehr lange sagen. Aber vielleicht nicht jetzt gerade. Vielleicht nicht in Blogs (obwohl ich immer mehr Blogs von Historiker*innen sehe und mir jedes Mal mein Herz aus der Brust platzen will, weil ich mich so freue).

Also. Fernsehserie “Die Schweizer”, “Les Suisses”, “Gli Svizzeri”, “Ils Svizzers”, männliche Formen in allen vier Landessprachen, 6 Männerfiguren, die porträtiert werden. Eingebunden in ein “Themenmonat”-Konzept, das über alle Plattformen – Fernsehen, Radio, Internet – die Geschichte “der Schweizer” erklärt. Im erweiterten Themenkonzept kämen dann auch Frauen vor – ausgezeichnet dazu Sabine Altorfer.

Produziert wurde die Serie und der ganze “Themenmonat” von der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR), die “zwar ein privatrechtlicher Verein und ein eigenständiges Unternehmen [ist], jedoch erhält sie neben ihrer Konzession vom Bund (für alle elektronischen Medien erforderlich) auch einen klaren gesetzlichen Auftrag für den sogenannten «Service Public». Das heisst die SRG SSR ist dafür verantwortlich, dass alle Sprachregionen eine gesicherte Informationsabdeckung und ein vielfältiges Unterhaltungs-, Bildungs- und Kulturprogramm erhalten. Dafür erhält sie einen Grossteil der Einnahmen aus den Rundfunkgebühren (70 %), die die Billag erhebt.” (Zitat aus dem Wikipedia-Artikel). Dort steht auch, dass die SRG “Trägerin des grössten Unternehmens für elektronische Medien in der Schweiz” ist. Die SRG hat also einen klaren öffentlich-rechtlichen Auftrag und wird dafür bezahlt.

Die Diskussion in der Presse und anderen Medien beginnt mit der Kolumne der früheren CVP-Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Judith Stamm auf Seniorweb (Lest die!), auf die der Journalist Christof Moser aufmerksam wird und daraufhin den eingangs verlinkten Artikel in der “Schweiz am Sonntag” schreibt. Andere Politikerinnen* und auch Politiker* verschiedener Parteien hatten sich schon davor mit einem Brief, der die einseitige Darstellung der Schweizer Geschichte thematisierte, an den Generaldirektor der SRG gewandt. Hier eine gute Zusammenfassung mit Links zu relevanten Artikeln.

Auf Twitter lancierte @fatimavidal den Hashtag #Schweizerinnen (sie wird übrigens in keinem der von mir gelesenen Artikel als Urheberin erwähnt), um historisch bedeutende Schweizerinnen sichtbar zu machen. Auf Kolumne, Artikel, Hashtag folgt große Medienaufmerksamkeit. Dieses Phänomen haben ich und viele, viele andere ja schon seziert: Absichtlich wird der berechtigte Aufschrei provoziert, um Gratis-PR zu bekommen. Der Projektleiter Mariano Tschuor gibt das in diesem Interview mit Edith Hollenstein auf persoenlich.com offen zu, verwehrt sich aber gegen die “bösartige Unterstellung”, dass daraus Profit geschlagen werden sollte. Jaja. “I’m shocked! Shocked! To find that gambling is going on in here!” 

Aufregung. Vorschläge von geschichtlich bedeutenden Frauen. Texte, z.B. dieser hier von Michèle Binswanger. Oder dieser von Miriam Meckel, in dem sie fordert, genauer auf die Schweizer Geschichte zu schauen. Schließlich kommt heraus, dass das Ursprungskonzept, das unter der damaligen SRG-Generaldirektorin Ingrid Deltenre erarbeitet wurde, sehr wohl differenzierter war und bedeutende Frauen aus verschiedenen Epochen porträtierte. Aus “Spargründen” veränderte sich das Konzept unter der Leitung von SRG-Generaldirektor Roger de Weck zum “Prestigeprojekt” ohne Frauen (Artikel von Christof Moser und Alan Cassidy in Schweiz am Sonntag). Weil auf das 14./15. und das 19. Jahrhundert fokussiert werden sollte. Meta von Salis, erste offizielle Historikerin der Schweiz, Kämpferin für Frauenrechte im 19. Jahrhundert, die mit Frauen* in Beziehungen lebte, wurde dann aus dem “Prestigeprojekt”-Konzept gestrichen. In dem Artikel kommt auch endlich eine Historikerin* zu Wort, Susanna Burghartz von der Universität Basel. Mittlerweile ist das ganze angeblich kein “Prestigeprojekt” mehr, sondern nur ein “Angebot” sagt der Projektleiter Mariano Tschuor im Interview mit Michèle Binswanger im Tagesanzeiger.

Und es schreiben die Historiker oder solche, die sich dafür halten. Und erklären, warum es keine “bedeutenden Frauen” gegeben hatte, warum ihre nachträgliche Hervorhebung “Geschichtsverfälschung” (ja, das ist ein direktes Zitat) wäre. Zum Schluss kommt dann noch einer, der erklärt, wir sollten nicht so an den großen Figuren hängen, besser Geschichte von Unten betreiben, Bücher aus 1986 lesen und so (Pikant, dass dieser NZZ-Artikel normalerweise kostenpflichtig ist und “speziell für Sie” freigeschaltet wurde. Werbunnng!). Das sagt Susanna Burghartz auch. Aber wie das gesagt wird und wer das sagt, macht einen Unterschied.

Aus meiner Sicht lässt sich die Kritik aus historiographischer Perspektive an mehreren Punkten ansetzen:

1) Das Argument “Es gibt keine bedeutenden Frauen*.”

Tatsächlich gab es (wie schon hunderttausendmal gesagt) in der gesamten Geschichte weniger “bedeutende”, also tatsächlich mächtige Frauen* als Männer* – es gibt heute noch weniger mächtige Frauen* als Männer*. Weil wir in einer globalen patriarchalen Gesellschaftsordnung leben, die Frauen* den Zugang zur Macht möglichst schwer macht und wenn, dann nur unter erschwerten Auflagen gewährt. (Die Kapitalismuskritik von wegen Zugang zur Macht ist ohnehin abzulehnen merke ich hiermit an, aber darum geht’s jetzt nicht.)

Ja, es gab und gibt auch anders geordnete Gesellschaften. Viele von ihnen haben sich nach den ersten Kontakten mit der europäischen Gesellschaft unter ihrem gewaltsamen Einfluss zu patriarchalen Gesellschaften entwickelt (manche früher, manche später). Manche waren schon patriarchale Gesellschaften. Leider führt der Eurozentrismus der Geschichtsschreibung und der mangelnde (globale) Austausch zwischen Historiker*innen sowie die Abqualifizierung von Geschichte als “unwichtige” Wissenschaft im Vergleich zu den MINT-Fächern zur Marginalisierung wichtiger Forschung und Informationen, die wir für ein kompletteres Bild unserer Vergangenheit brauchen. Außerdem wurde und wird bei der Geschichtsschreibung durch weiße Forscher*innen die White Supremacy weitergetragen.

Da ich auch in diesem System verhaftet bin, spreche ich aus einer privilegierten, eurozentristischen Position und Perspektive.

2) Das Argument “Es gibt keine bedeutenden Frauen, weil sie keinen Zugang zu Macht hatten.”

Wie schon gesagt: Ja, es gab nicht sehr viele. Und trotzdem gab und gibt es Ausnahmen. Frauen kamen und kommen durchaus zu und an die Macht, auf verschiedene Art und Weise. Etliche Kaiserinnen*, Königinnen*, Fürstinnen*, Herrscher*innen auf lokalen, regionalen, staatlichen Ebenen, waren die einzigen Nachkommen ihrer Väter*, waren Ehefrauen* oder Witwen* ihrer Ehemänner*, Mütter* ihrer Söhne* und Töchter*. Verwitwete Ehefrauen* von Ratsherren* saßen durchaus im Stadtrat bzw. wurden um ihre Meinung gefragt. Ehefrauen* von Kaufmännern* führten die Geschäfte ihrer Ehemänner mit oder fort, waren Kreditgeberinnen*, Auftraggeberinnen*. Äbtissinnen*, Nonnen* gründeten, leiteten Klöster und verwalteten die zugehörigen Ländereien (d.h. übten Macht über Menschen aus, die diese bewirtschafteten), etc.

Und das ist nur ein ganz, ganz, ganz kleiner Bruchteil der vielen verschiedenen Machtpositionen, die Frauen in der Geschichte einnahmen. So wie wir heute gleichzeitig diskriminiert und privilegiert sein können, waren im ganzen Lauf der Geschichte Menschen gleichzeitig diskriminiert und privilegiert. Selbst eine Dienerin* am Hof des Königs* war privilegiert gegenüber einer Dienerin*, die in einem bürgerlichen Haus arbeitete, gegenüber Frauen*, die keine Arbeit hatten, die nicht als Dienstpersonal* arbeiten konnten, etc. Gleichzeitig war die Dienerin* am Hof des Königs* von vielen der Diskriminierungen betroffen die auch die Dienerin* im bürgerlichen Haus, die Frauen*, die keine Arbeit hatten, die nicht als Dienstpersonal* arbeiten konnten betrafen.

Erst durch die genaue Erforschung unter dem Aspekt der Frauen- bzw. Geschlechtergeschichte werden die Frauen sichtbar, die eben doch Macht hatten (ich spreche jetzt hier wieder von politischer bzw. monetärer Macht). Das geschieht, indem Historiker*innen genau auf die “bedeutenden” Frauen* schauen und noch genauer auf die “bedeutenden” Männer*, auf die sie umgebenden Menschen und auf die Machtgefüge, sowohl abstrakt als auch individuell.

3) Das Argument “Aber die vermehrte Darstellung von bedeutenden Frauen ist Geschichtsverfälschung, weil es gab sie nicht.”

Stellt euch ein Bild vor. Zuerst seht ihr nur eine Figur – einen Mann. Wenn ihr näher herangeht, seht ihr mehrere Figuren, die den Mann umgeben, Männer und Frauen. Geht noch näher heran und ihr seht immer mehr Figuren, ihre Körperhaltung, ihre Kleidung, Möbel, Gebäude, Tiere, Landschaften … vielleicht sind die Menschen auf dem Bild nicht mehr Männer und Frauen, sondern Männer* und Frauen*. ist das ursprüngliche Bild verfälscht? Oder ist es einfach ein kompletteres Bild? Menschen, die so argumentieren, haben keine Ahnung von Geschichte und Geschichtsforschung.

Geschichtsforschung betrifft – wenn wir die Archäologie und noch ein paar andere Wissenschaften dazunehmen, auf die sich die Geschichtsforschung stützt (Sorry! Eigentlich seid ihr alle nur für Historiker*innen da.) – die gesamte Geschichte der Erde. Alles. Ja, das ist ziemlich viel. Zwischen “Die Geschichte des Universums” und “Wie empfand Rosa Luxemburg Trauer?” liegen so unglaublich viele Schichten, Lagen, Schattierungen und Nuancen, dass sie gar noch nicht alle erforscht sind bzw. manchmal aufgrund mangelnder Quellen gar nicht erforscht werden können. Da kommt dann die Interpretation ins Spiel, Geschichtsforschung wird zum Detektiv*innenspiel, bei dem aus Indizien auf Zusammenhänge geschlossen wird. Nach wissenschaftlichen Methoden – eine Theorie gilt so lange, bis ihr Gegenteil bewiesen ist. Darum ist Geschichte auch eine Wissenschaft, die studiert werden kann.

4) Das Argument “Es sollten keine Heldenfiguren mehr porträtiert werden.”

Prinzipiell: Ja. Geschichte besteht nicht nur aus Helden, die völlig aus allen Zusammenhängen gerissen die Mächte des Schicksals bezwingen. Geschichte besteht aus einer unglaublichen Masse von Menschen. Jede einzelne Person, die jemals auf diesem Planeten gelebt hat und jetzt lebt, verdient es, dass ihre Geschichte auf die nuancierteste Weise erzählt wird. Ihre Geschichte, das sind nicht nur die Taten einer Person, sondern auch die einzelnen Stufen dieser Geschichte (Kindheit, Jugend, Phasen des Erwachsenseins, Alter), ihre Beziehungen (zu Verwandten, Freund*innen, Partner*innen, ev. Nachkommen, Tieren, Gegenständen, Lebensorten, Konzepten wie Religion, Politik, Arbeit, Freizeit, etc. etc. etc), ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre physischen Gegenstände (ev. Wohngebäude, ev. Möbel, ev. Kleidung, ev. Krimskrams – je nachdem, was da war).

So wie ihr jetzt seid, wie ich bin, wie ihr als einzelne Personen seid, in allen euren Facetten, so sollten alle dargestellt werden. Und dann die Zusammenhänge in denen sie sich befinden, die größeren Phänomene, die staatlichen und gesellschaftlichen Systeme etc. etc. etc. (stellt euch das einfach als Mischung zwischen Teleskop und Mikroskop vor).

Warum habe ich dann vorher “Wie empfand Rosa Luxemburg Trauer” geschrieben? Hier kommen wir zu einer Schwierigkeit der Historiographie. Es ist um vieles einfacher, Epochen, Abläufe, einzelne Geschehnisse, Personen, deren Gefühle, etc. in allen Facetten zu erforschen, wenn es viele Materialien dazu gibt, besonders Texte, besonders Texte, die sie wirklich selbst geschrieben haben. Je weiter zurück wir in die Vergangenheit gehen, desto weniger Texte gibt es, weil nicht alle Menschen in Schriftkulturen lebten, bzw. Zugang zu Schrift hatten, zu Schreibmaterialien, weil ihre Aufzeichnungen für wertlos befunden wurden. Je geringer der soziale Status, desto weniger Zugang, desto weniger wird überliefert – bis heute.

Eine Möglichkeit ist, sich den Menschen durch ihre Gegenstände anzunähern – die Erforschung ihrer materiellen Kultur. Aber das ist schwierig, weil wir nur dann wirklich gesichert nachweisen können, was eine Person über eine Lampe oder ein Kleid dachte und empfand, wenn sie ausführlichst darüber geschrieben hat. Denkt an eure Blogs, eure Twitterauftritte, euer Facebookprofil, eure tumblr, Instagram-Accounts, etc. Alle sprechen immer davon, dass es sinnlos wäre, so viel zu dokumentieren. Historiker*innen wünschen sich, die Menschen der Vergangenheit wären so akribisch vorgegangen. Historiker*innen der Zukunft werden sich über eure Dokumentationsleidenschaft freuen, wenn sie noch Zeugnisse davon finden.

Die Schwierigkeit, dass wir nicht absolut alles von uns preisgeben im Internet, die könnt ihr euch auch für die Menschen der Vergangenheit denken. Selbst wenn sie jeden Tag genauestens Tagebuch geführt haben, bleiben doch weite Teile, die sie uns nicht erzählen. Diese versteckten Teile auch noch herauszulesen aus allem, das ist die große Kunst der Geschichtswissenschaft. Darum ist es viel leichter, über Held*innen zu schreiben, weil es mehr Texte von ihnen oder über sie gibt, weil Bilder von ihnen gemalt wurden, weil Gegenstände von ihnen vererbt bzw. aufbewahrt wurden, etc.

5) Das Argument “Es soll Geschichte von Unten betrieben und dargestellt werden.”

Ja! Uneingeschränkt ja, tausendmal ja. Zehntausend mal ja. Was ist “Geschichte von Unten“? Laut Wikipedia “ein Ansatz mit dem die Alltagsgeschichte von diskriminierten Gruppen – meistens in einem regionalen Kontext – erforscht und dargestellt werden soll”.

Denkt euch den regionalen Kontext weg und hinzu, dass bei Frauen- und Gendergeschichte eben auf Mehrfachdiskriminierungen geachtet wird und auch Männer ins differenziert betrachtende Blickfeld rücken. Um das ein wenig zu veranschaulichen: Sonja Ablinger zitiert auf ihrem Blog die Historikerin Gerda Lerner, Pionierin der Women’s History. Sie zitiert dort auch in Anlehnung an Bertolt Brecht die Fragen lesender Frauen (hier auf einer anderen Seite nebeneinander, allerdings ist das eine schleißige Quellenangabe, woher die Fragen der lesenden Frauen wohl stammen?).

Dabei differenzieren Historiker*innen immer weiter. Geschichte von Unten schaut auf die, die die Held*innen durch ihre Arbeit auf ihrem Rücken trugen. Geschichte von Unten schaut, wie diese Menschen lebten, arbeiteten, was für Kulturen sie entwickelten, etc. Aber es ist zu einfach zu sagen “Schauen wir auf die Arbeiter” und die Arbeiterinnen* völlig auszublenden. Die Geschichtsforschung ist schon viel weiter. (Nochmal wiederhole ich jetzt nicht, was ich oben gesagt habe.)

Warum schlägt sich das so wenig im Alltag – bzw. in den Medien – nieder?

Das führe ich jetzt nicht mehr so genau aus, weil darüber schon so viel geschrieben wurde. Diese Argumente sind relativ bekannt.

a) Der Universitätsbetrieb ist eingebettet in die patriarchale und kapitalistische Gesellschaftsordnung.

Soll heißen (und das haben wir jetzt wirklich oft genug durchdekliniert): Universitäten sind nicht mehr zur Bildung da, sondern um Arbeitskräfte auszubilden. Studienrichtungen, von denen erwartet wird, dass sie mehr “Profit” abwerfen, bekommen mehr Geld. Frauen- und Genderforschung – nicht nur in der Geschichte – wird auch innerhalb des Universitätssystems diskriminiert, auch wenn es nicht so erscheint. Insgesamt bekommen Universitäten immer weniger Geld, da der Zugang zu höherer Bildung für alle nicht mehr erwünscht ist.

Trotzdem verheißen Studienabschlüsse – auch in “unwichtigen Fächern” Zugang zu besser bezahlten Berufen, dabei sind diese Berufe vielfach nicht mehr vorhanden. In das Universitätssystem selbst einzubrechen ist sehr schwierig, besonders als Frau*, aus vielen Gründen. Im Universitätssystem zu bleiben ist ebenfalls schwierig, besonders als Frau*, aus vielen Gründen.

Und schließlich: Gute, ausdifferenzierte Forschung kostet Geld. Wenn ich alle Facetten erforschen will bzw. vielleicht neue Methoden entwickeln will, brauche ich entweder sehr viel Zeit oder sehr viele Personen, die das gemeinsam tun. Dafür braucht es Geld, das nicht mehr zur Verfügung steht, erst mühsam eingeworben werden muss und woraus neue Abhängigkeiten entstehen können, die zu schleißiger Wissenschaft führen.

b) Die offizielle Geschichtsschreibung verändert sich nur langsam

Dadurch dass an den zentralen Stellen der Universitäten immer noch weniger Frauen* bzw. andere diskriminierte Personengruppen sitzen, sind die Universitäten nicht sehr divers. Das schlägt sich auf die Forschung nieder, auch auf die Geschichtswissenschaft. Daher sind auch die Lehrbücher und die Schulbücher noch nicht sehr divers und das patriarchalische Gesellschafts- und Geschichtsbild verbreitet sich ungehindert weiter von Generation zu Generation.

Gleichzeitig gibt es die Hierarchie zwischen “offizieller Geschichtsforschung”, die durch studierte Historiker*innen stattfindet und denjenigen Menschen, die selbst beginnen, Geschichte zu erforschen. Ihnen wird vorgeworfen, nicht “reflektiert” genug zu sein. Mittlerweile haben sich die reflektierten Historiker*innen von der Illusion verabschiedet, “objektiv” zu sein und erkennen, dass sie ihre eigenen Prägungen in ihre Wissenschaft einbringen, was durchaus von Vorteil sein kann – aber eben auch ein Nachteil, wenn durch eigene Voreingenommenheiten wichtige Details übersehen, verschwiegen, unsichtbar gemacht werden. Darum, wenn jemand fragt “Ist dieses und jenes nicht schon genug erforscht?” lautet die Antwort immer “Nein.” Wir sind noch nicht am Endpunkt unseres Wissens angelangt und werden es nie tun.

Und so wie es wichtig ist, dass Menschen Blogs schreiben, twittern, etc., ist es in Anbetracht der Tatsachen auch wichtig und richtig, dass Privatpersonen Geschichtsforschung betreiben. Privatpersonen haben Zugang zu den Quellen, die die eigene, die Geschichte der Familie (und nein, damit sind nicht nur Papa, Mama, Oma, Opa gemeint – Familie ist größer, viel größer oder kleiner, viel kleiner) erschließbar machen: Gegenstände, Fotos, Briefe – wenn diese nicht vorhanden sind, vielleicht Geschichten, Erinnerungen. Vielleicht aber auch nicht. Auch hier ist es so, wie mit der ganzen Geschichtsforschung: Manchmal gibt es – aus den verschiedensten Gründen – keine Quellen. Manchmal lässt sich über Umwege etwas erfahren. Manchmal nicht.

Aber wenn es Quellen gibt und eine Person die Arbeit auf sich nehmen möchte, dann drauflos. Ihr generiert nämlich Daten für zukünftige Historiker*innen ;) und teilt euer Wissen mit der Menschheit. Eine, durch die ich überhaupt erst auf das ganze “Schweizer”-Debakel aufmerksam wurde, hat die Erforschung ihrer Geschichte selbst in die Hand genommen. Die Autorin @zoradebrunner beschäftigt sich auf ihren verschiedenen Blogs immer wieder mit ihrer persönlichen und mit ihrer Familiengeschichte. Heute, nach einer gemeinsamen, kurzen Unterhaltung schrieb auch sie über “Geschichte von Unten“.

c) Medienmacht und Frauen in den Medien

Muss ich dazu noch viel sagen? Die Ausrede, dass die Darstellung von Frauen* und anderen diskriminierten Gruppen in den Medien nicht auf Interesse treffen würde, haben wir schon zu oft gehört. Es ist eine Ausrede. Lassen wir sie nicht gelten – so wie viele Schweizerinnen* und Schweizer* sie nicht gelten lassen haben. Und wenn sie uns nicht “mitspielen” lassen, dann hören wir auf, diese Medien zu unterstützen. Erschaffen wir unsere eigenen Plattformen, schreiben wir unsere eigenen Geschichten. Smash patriarchy.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s