Der Seelenluftballon

Eigentlich wollte ich schon lange einen Text darüber schreiben über dieses Gefühl, das ich manchmal habe. Dann kam Communeva und schrieb einen ausgezeichneten Text und ich dachte “Ach, mir geht’s ja in vielem genauso, da will ich nicht hinzufügen und mit meinem ablenken.” Dann kam #isjairre und damit auch die Posts von Hyperbole and a Half (Post 1 und Post 2) und die Zuschreibung “Depression – da fühlst du garnichts, NICHTS” und auch die Anstöße, sich selbst nicht zu pathologisieren (Ich hab noch keine Ahnung *was* ich da drüber denke. Lasst mir da ein bisschen Zeit, mir meine Meinung drüber zu bilden. Ein bisschen was hab ich schon eingeflochten, weil ich es einleuchtend finde.).

Hm. Jetzt sitz ich da und weiß nicht mehr, was es da ist, was ich habe, außer viele, vermischte Gefühle, die manchmal etwas miteinander zu tun haben, manchmal nicht, und die alle auf strukturelle Probleme zurückgeführt werden können – bis auf eines. Große Ahnungslosigkeit. Sag ich was, ist das falsch wenn ich das sage, was ist daran falsch? Gleichzeitig merken wie sehr ich alles RICHTIG machen will, um nur ja ja ja die Aufmerksamkeit und Zuneigung nicht zu verlieren, die mir entgegengebracht wird, wenn ich was so mache, wie es den Gemögten (ich leih mir jetzt dieses Wort von @theRosenblatts, weil es so schön ist) RICHTIG erscheint. Wo ist mein RICHTIG?

Vor lauter “aber das muss ich auch noch bedenken” zerzupft es mich in tausend Richtungen bis ich gar nicht mehr weiß, was ich eigentlich denke. Mein kühles Analyse-ich hat mich grad ein wenig im Stich gelassen. Manchmal mag ich mein kühles Analyse-ich auch nicht. Der letzte Post, der aus brennender Wut entstand (schon lang nicht mehr so wütend) – war der gut? War die Wut gut? Ich fühl sie noch in mir glimmern – endlich mal ein Gefühl, von dem ich nicht einen Schritt zurücktreten kann und “die andere Seite” betrachten kann. Ich kann das schon, nur will ich nicht.

Aber darum geht’s hier nicht. Hier geht’s auch darum, mich denen an die Seite zu stellen, die mutig genug waren, über ihre Begleiterscheinungen (hey, das Wort mag ich!) zu reden. In meinen #istjairre-Tweets konntet ihr ja lesen, wieviel ich internalisiert habe und mir selber nicht zugestehe, meine Begleiterscheinungen zu zeigen, damit ich die negativen Konsequenzen nicht erleben muss. Ist das klug, hier alles aufzuschreiben, wo mein Klarname im Impressum steht, klug zu twittern, wenn mein Klarname beim Namen steht? Manchmal wird mir schon mulmig. Manchmal überlege ich mir schon einen protected Account, ein neues Blog, den Namen zu ändern. Schon wieder zerrissen. Ist es zu spät? Was will ich eigentlich erreichen mit meinem Twittern und Schreiben? Wenn ich das wüsste … (abseits von Aufmerksamkeit & Anerkennung natürlich oder natch, wie die US-Amerikaner*innen gerne sagen & ich auch).

Anyway.

Ich habe eine Begleiterscheinung.

Schon lange. Wie bereits irgendwo dargelegt, zeigte sie sich zum ersten Mal, als die bestehende, patriarchalische Gesellschaftsordnung im Gymnasium endgültig gegen mich prallte und ich Mobbing ausgesetzt war. (Ich wollte schon “schwerstes” schreiben & rief mir dann in Erinnerung, dass ich es verglichen mit vielen anderen “leicht” hatte … *seufz*). Manchmal, wenn ich lese, welche Symptome depressive Kinder und Jugendliche zeigen, muss ich heulen, weil sie niemand bei mir erkannte. Weil niemand auf mich hörte. Weil keine Informationen ausgetauscht wurden, die vielleicht ein komplettes Bild von mir ergeben hätten, bei dem dann erkannt worden wäre, dass etwas los ist mit mir.

Egal. Ich habe überlebt. Mit neuen Begleiterscheinungen.

Das nächste wirklich schwere Mal war, als die mir von der Gesellschaft auferlegten und unreflektiert angenommenen Lebenspläne nicht so funktionierten, wie ich wollte. Ihr könnt es auch Liebeskummer nennen. Ich hatte auch schon vorher Liebeskummer, aber diesmal hatte alles endlich nach Plan gehen sollen. Wenigstens habe ich mich damals begonnen, von Plänen im allgemeinen zu verabschieden. Trotzdem wirken einige dieser Pläne nach, auch nach viel Reflektion und intellektuellem Anerkennen von verschiedenen Aspekten und allem. Ich schreibe keinem Menschen vor, Kinder haben zu müssen, aber ich wollte immer welche und mittlerweile hoffentlich aus den “richtigen” Gründen.

Dass das in meiner aktuellen Situation nicht geht und vielleicht nie gehen wird ist eine Begleiterscheinung. Manchmal tritt sie stärker in den Vordergrund, manchmal nicht. Ähnlich mit dem nicht in einer Partnerschaft sein. Aber das sind (nur?) Begleiterscheinungen der Begleiterscheinung, so wie mein Gewicht, mein Aussehen, mein Älterwerden immer wieder Begleiterscheinungen der ersten Begleiterscheinung sind (zur Erinnerung: Das Prallen der patriarchalischen Gesellschaftsordnung gegen mich).

All das wurde schließlich von dem Ereignis in den Schatten gestellt, das seither die meisten Gefühle auslöst: Der Tod meines Vaters. Seither sind die Begleiterscheinungen stärker, schlimmer, absoluter. Alles was mich an seinen Tod erinnert oder daraus resultiert(e) ist für mich extrem schwierig geworden. Am Einfachsten für mich ist es, mich nicht daran zu erinnern, dass es ihn je gegeben hat. Werde ich daran erinnert, werde ich traurig und beginne zu weinen. So ist das. Es hört auch nicht auf, so gerne ich möchte, dass es aufhört. Ich würde sehr gerne ein unverkrampftes Verhältnis zum Tod meines Vaters haben, aber tatsächlich geht das gerade nicht.

“Wir müssen alle einmal sterben.” Ja. Kann ich das gleich jetzt tun, damit es vorbei ist? Wenn sich mein Geist so weit von meinem Körper entfernt, dass ich sterben will (was ich euch hiermit zum ersten Mal überhaupt kundgetan habe), sehe ich vor mir meine Seele als einen großen weißen manchmal warm leuchtenden Ballon an einem Seil. (Vielleicht ist er aus Papier und wird von Feuer in die Luft gehoben. In der buddhistischen Tradition werden Papierdrachen als Seelen gesehen, die in den Himmel transportiert werden, aber in die stelle ich mich nicht, zumindest nicht bewusst.) Je weniger ich leben will, desto weiter steigt der Ballon auf, desto länger wird der Faden, desto dünner. Ich weiß, dass ich ihn nicht abreißen lassen darf, wegen euch, wegen meiner Familie, wegen den Menschen, die ich liebe, obwohl ich sie zum Teil gar nicht kenne.

Aber auch wegen mir. Aus purem Egoismus. Es gibt Dinge, die ich noch oder nochmal tun will, auf bestimmte Art und Weise, und die bestimmte Voraussetzungen haben, die ich erfüllen will. Und es ist mir egal, wenn es auch anders geht, ich will das so.

Also schaue ich, wie ich es schaffe, meinen Seelenballon wieder einzuholen. Da gibt es viele Möglichkeiten, die zum Teil herzlich wenig mit den Vorschreibungen zu tun haben, die mir die patriarchale Gesellschaftsordnung machen will, damit ich in ihr wieder funktioniere. Andere haben sehr viel damit zu tun. Ist mein plötzlich entfachter Aktivismus ein Teil davon? Oder ist einer meiner Teile, die so lange versteckt wurden, um den Normen zu entsprechen? Manchmal ist mir das auch egal, obwohl ich natürlich gerne die Option nehme, die das negativste Licht auf mich wirft.

Jedenfalls bin ich bei all dem nicht gefühllos. Da ist keine Leere. Manchmal ist da eine Völle, von der ich gerne hätte, dass sie eine Leere ist, weil ich nicht weiß, wo ich den Stöpsel finde, der aus der Badewanne so viel rauslässt, damit ich entspannt ein Bad nehmen kann, ohne das ganze Badezimmer zu überschwemmen. Oder wie ich die Verstopfung im Abfluss auflöse, damit ich mir die Hände waschen, wärmen oder kühlen kann, um sie nachher wieder abzutrocknen.

Ist das jetzt psychisch oder physisch? Ich habe keine Ahnung. Will ich das so genau wissen? Was ich gerne hätte: dass es nicht so wäre. Aber das spielt es wohl nicht. Der Seelenballon wird sich wieder entfernen, manchmal mehr, manchmal weniger. Ich will nicht immer allem Traurigen ausweichen. Ich will nicht nur “lustige” Bücher, Filme, Comics, Anime, Musik lesen, sehen, hören. Ich will die volle Bandbreite der Gefühle. Ohne dass über mein Mitfühlen, Nachfühlen gelächelt wird bzw. es nicht wahrgenommen wird, ohne dass ich mich selbst darüber ärgere.

Was ich mich seit meiner Schulzeit nicht traue, was ich mich jetzt noch und nicht mehr traue: “Kannst du mir helfen” zu sagen, Hilfe einzufordern. Drum bin ich froh, wenn mir jemand hilft, ohne dass ich fragen muss und wenn ich gerade kann, helfe ich auch, aber jetzt – gerade jetzt im Moment – ist das ein bisschen schwierig. Ich versuche es trotzdem. Manchmal zu viel (Übungsaufgaben: Nein sagen, keine Vorschläge machen).

Dadurch, dass auch ein Film oder ein Comic bewirken können, dass sich mein Seelenballon entfernt, habe ich gelernt, dass es unterschiedliche Merkmale für meine Begleiterscheinungen gibt. Oft bemerke ich sie zu spät. Oft entwickeln sie sich schleichend.

Wo ist der Unterschied, die Grenze zwischen “Meh, warum macht mir nie jemand Frühstück?” und “Ich kann nicht mehr für mich kochen?” Wo ist der Unterschied zwischen “Ich hasse Hausarbeit” und “Hilfe, ich lebe in einem Chaos, dass mich nur noch trauriger macht, weil ich es nicht schaffe, aufzuräumen?” Wo ist der Unterschied zwischen “Ah, ich weiß, dass meine Freund*innen gerade (aus völlig legitimen Gründen) beschäftigt sind, ich ruf mal besser nicht an” und “Ich kann gar nicht mehr anrufen, weil sie selbst mit ihren Begleiterscheinungen kämpfen und würden die denn überhaupt noch abheben, ich glaube die mögen mich nicht mehr”? Wo ist die Grenze zwischen “Ich liebe dieses Lied so, dass ich es dauernd hören kann” und “Ich kann nicht aufstehen, weil ich so traurig bin und dieses Lied versinnbildlicht meine Traurigkeit, spricht für mich aus, was ich nicht sagen kann und lindert dadurch alles ein bisschen.”

Es geht mir immer besser, wenn ich regelmäßig arbeite, mit Menschen, die ich mag und die mich mögen, denen ich mich verbunden fühle. Weil ich dann funktionieren muss. Und dann funktioniere ich auch, ich funktioniere ausgezeichnet, so sehr, dass niemand merkt, was los ist und ich einfach nur ein bisschen faul, chaotisch, langsam, unzuverlässig bin. Darum mag ich auch das Wort “funktionieren” nicht, weder für Beziehungen noch für irgendetwas.

Irgendwann hören die Begleiterscheinungen auch wieder auf, nehmen allmählich oder Knall auf Fall ab. Dieses Jahr hatte ich zwei schwere Phasen, einmal im Frühling, als ich an der Literaturrecherche für das Buch mit Texten meines Vaters beteiligt war. Wie hätte ich abwehren können? Wie hätte ich all die Emails, die aus der Buchproduktion resultierten abwehren können? (Weil Geld. Und Verpflichtung. *seufz*) Diesen Sommer hat mich die Hitze, die ich sonst hasse, gerettet. Hitze und Wasser, obwohl ich zweimal so echt von meinem Vater träumte, dass es mich tief verstörte.

Dann rückte die Buchpräsentation immer näher. Und als sie dann da – und ein wahres Heulfest für die meisten Frauen* – war, kamen noch eine Hasskampagne, zu wenig Schlaf, eine Reise und eine Erkältung dazu. (Ja, klar, ich hätte mich auch einfach aus der Aufarbeitung der Hasskampagne und der weiteren Unterstützung ziehen können. Aber so geht das nicht bei mir. Ich erwarte absolut keine Bewunderung dafür, dass ich es nicht tat. Wehe, ihr “bewundert” mich jetzt noch mehr dafür, dass ich es nicht tat.)

Aber wie ich bereits schrieb, gab’s dann mittendrin einen kleinen Knall. Die Begleiterscheinung ist jetzt nicht sofort vorbei, sie ist im Abklingen. Ich muss “nur” noch die Begleiterscheinungen der Begleiterscheinung aufarbeiten (Chaos, aufgeschobene To Dos). Auch das braucht Kraft. Und dann muss ich schauen, wie ich dieses Jahr Weihnachten und dann das, was danach kommt (darf ich nicht sagen, abgesehen von Geburtstagen und Todestag) überlebe. Vielleicht hilft dieses Jahr das Schreiben.

Irgendwann hätte ich dann gerne wieder so ein Jahr oder mehrere, wie ich es zweimal erlebt habe. Aus denen die schönsten Fotos von mir stammen. In denen ich mich am Wohlsten fühlte. Darum nehme ich jetzt viel auf mich. Darum habe ich das jetzt geschrieben.

Seelenballon wieder mal ein wenig eingeholt. Ganz ist er noch nicht wieder zurück.

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2 thoughts on “Der Seelenluftballon

  1. oh. das hast du sehr schön geschrieben. schön, obwohl das alles natürlich nicht schön ist. so, dass ich beim lesen so viel (mit?)fühlen kann. ich würde gerne eine, einige, ganz viele umarmungen anbieten. wenn du magst. mehr fällt mir erstmal dazu nicht ein, bin ein bisschen mitgenommen. aber ich werde gerne mitgenommen. danke.

    • Ach du Liebe, freut mich, dass dir der Text gefällt. Irgendwie war das Aufschreiben ganz heilsam, wenn auch emotional erschöpfend. Dein Text hat auch ganz viel geholfen und die Umarmungen würde ich auch gerne dir schicken – vielleicht nächstes Mal in Berlin <3

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