Frauen* hat es nie gegeben. Feministische Geschichtsschreibung – Teil 2

Zweiter Teil meines Berichts vom Betriebsausflug am 1. Oktober zum “Brot”-Teil der Niederösterreichischen Landesausstellung 2013 mit dem Thema “Brot und Wein” im Urgeschichtemuseum Aspern an der Zaya.

Auch hier gilt: Dadurch dass sich die binäre Geschlechterordnung (Frau – Mann) auch in der Geschichtsforschung noch fest hält, bin ich diesmal etwas kreativ mit den Gendersternchen und hänge sie nicht überall an, um sichtbar zu machen, wann in binären Kategorien gedacht wird, wobei aber auch immer Fehler passieren können.

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Nachdem ich das Bild getweetet hatte, über das ich im 1. Teil geschrieben habe, war ich voller Zucker und Selbstzufriedenheit. Das war’s jetzt, dachte ich. Feministische Aktion für heute erledigt. Ach, wenn es nur so gewesen wäre.

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This is what a feminist historian full of sugar and self-righteousness looks like.

Die Ausstellung behandelt das Thema “Brot” und seine Geschichte. Gleich zu Beginn entdeckte ich, dass es in der Ausstellung Gratis-WLAN gab, um die QR-Codes auf den Ausstellungsplakaten auslesen zu können – yay! Aber das reicht nicht. Bilder konnte ich über das WLAN leider keine tweeten. Eigentlich ist auch Fotografieren nicht erlaubt, aber … ich sag da jetzt nichts dazu, das ist ein anderer Rant.

Im ersten Raum wurden Werbungs- und Verkaufsmethoden mit steinzeitlichen Jäger-Sammler-Klischees verbunden. Blöd nur, dass Menschen in Europa zu verschiedenen Zeiten sesshaft wurden, manche gaben die Sesshaftigkeit auch (zeitweise) wieder auf, gejagt und gesammelt wurde und wird immer von allen, die sonst nicht satt wurden und werden, und wenn von der Steinzeit auf heute und von heute auf die Steinzeit geschlossen wird, sollten das besser Menschen tun, die sich wirklich sehr, sehr, sehr gut mit diesem Bereich auskennen. Verkürzte Darstellungen und Klischees zementieren nur die patriarchale Geschlechterordnung, indem sie sie mit angeblichen Fakten untermauern.

Danach kamen wir zu einer Wand, die verdeutlichen soll, was Steinzeitmenschen schon alles entdeckt und entwickelt hatten, bevor sie sesshaft wurden. Hier ist deutlich zu lesen, dass es in der Steinzeit keine Frauen* gab. Oder vielleicht wurden Frauen* nie sesshaft und ziehen immer noch als Jägerinnen* und Sammlerinnen* herum? Haben sich alle Frauen* mit der Sesshaftigkeit magisch in Männer verwandelt? Das wird es wohl gewesen sein …

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Nach dieser Wand habe ich dann nicht mehr auf alles aufgepasst, außer auf die krassesten Aussagen unseres Führers* durch die Ausstellung. Dass ich wirklich viel Neues zu sehen kriege dachte ich mir sowieso nicht, ein paar schöne Objekte vielleicht und wieder mal eine Lektion darin, wie Ausstellungen nicht mehr gemacht gehören.

Wir kamen zur Statuette der “Venus von Falkenstein” aus der jungsteinzeitlichen Lengyel-Kultur, die “unserem Schönheitsideal mehr entspricht” (Aussage des Führers*) als die Venus von Villendorf (die hat dafür einen eigenen Wikipedia-Eintrag):

Warum müssen die immer alle “Venus” heißen, selbst heute noch, wo längst andere Begriffe gefunden werden könnten? Und warum müssen steinzeitliche Frauen*statuetten um der “modernen Vermittlung” willen fatshaming ausgesetzt sein? (Und warum gibt es zu fatshaming noch keinen eigenen Wikipedia-Eintrag?)

Bei dieser Tafel über die Bedeutung des Getreideanbaus wurde dann deutlich, dass Frauen* noch nie etwas entwickelt oder erfunden haben, ganz, ganz sicher nie nie nie. Und überhaupt sind Frauen* für die Entwicklung der Menschheit völlig unerheblich:

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Im selben Raum hingen auch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von Archäologen. Natürlich, Archäologinnen* gibt es auch nicht. Leider habe ich die nicht fotografiert. Aber in diesem Text über steinzeitliche Kriege wird alles klar: Wissenschaftlerinnen* gibt es einfach nicht auf dieser Welt:

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Weitere Highlights:

  • Singlehaushalte sind gleichzeitig Schuld an der heutigen Warenvielfalt und daran, dass frühere Herstellungsmethoden fast völlig verschwunden sind.
  • Früher war alles besser™.
  • Und dann kicherten noch alle über die Skulptur der thailändischen Reisgöttin Mae Posop (Link zur Google-Bildersuche), die “wie aus dem Kitschladen” aussah, weil es ja furchtbar lustig ist, sich über andere Religionen und ihre Kulturgüter lustig zu machen.

Bei der aus ihrem Zusammenhang gerissenen Holzstatue einer Frau* aus dem Alten Ägypten, die wahrscheinlich Mehl mahlt, frage ich mich, ob sie nicht eher dabei ist, ihren Kopf gegen die Wand zu donnern.

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Warum wurde diese Statue stellvertretend für etliche ägyptische Reliefs und Malereien genommen, auf denen Männer* und Frauen* gemeinsam bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln zu sehen sind? Weil sie leicht aus einem anderen Museum auszuleihen war? Warum ist sie genau auf diese Art und Weise ausgestellt?

Im Ausstellungsraum zur Neuzeit gab es dann auch nie Bäckerinnen* und Müllerinnen*. Und auf diesem Bild sind “fliegende Gebäckhändler” zu sehen, d.h. Männer (weil Frauen* gibt es laut Bildtext auf diesem Bild keine und Männer* auch nicht), die Gebäck in der Stadt und auf dem Land in den Straßen und von Tür zu Tür verkauften:

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Danach wurde ich dann gerügt, dass ich nicht mehr fotografieren sollte – ich habe mich nicht daran gehalten. Ich habe aber auch nicht weiter dokumentiert oder aufgepasst. Ich habe nur noch einen bösen Kommentar im Gästebuch hinterlassen (Monierung der nicht geschlechtergerechten Sprache und “Geschichtsbild wie aus den 1950er-Jahren”) und habe mich nach draußen verzogen.

Ich fasse zusammen: Frauen* gab es nie in der Geschichte. Zumindest in dieser Art von Geschichte, die schon längst Geschichte sein sollte. Schönstes Stück der Ausstellung war diese Ritzzeichnung aus der Römerzeit, gefunden in Burgneudorf, Burgenland, die je nach Interpretation entweder zwei kleine Mädchen* oder eine erwachsene Frau* und ein Mädchen* oder ein Mädchen* und einen Buben* darstellt:

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Gelesen wurden die Namen in der Ausstellung als “Petronia” und “Julia”. Auch wenn nicht mehr festgestellt werden kann, ob zwei Mädchen* diese Zeichnungen in die Wände ritzten, wo bitte bleibt meine Kinderbuchreihe “Julia & Petronia, sgraffiti artists”? Schreiben wir uns weiterhin eigenhändig in die Geschichte ein. Es tut sonst niemand für uns.

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One thought on “Frauen* hat es nie gegeben. Feministische Geschichtsschreibung – Teil 2

  1. »Früher war alles besser™« stimmt sogar, irgendwie.

    Immerhin muessen wir nach heutigen Kenntnisstand davon ausgehen, dass die sogenannte »Steinzeit« matriarchal gepraegt war. Zudem gibt es mehr als genug Exponate aus dieser Zeit, die es gar nicht gegeben haben duerfte. In der Archaeologie wird dann eben einfach nicht darueber gesprochen. Ein ungeschriebenes Gesetz.

    All dies ist schon einmal geschehen, und all dies geschieht irgendwann wieder.
    Und diesmal passt es gut, hinzuzufuegen:
    Das Hoffen Wir Alle!

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