Nein, so war das nicht. Feministische Archäologie und Geschichte – Teil 1

Der Betriebsausflug vom 1.10. 2013 braucht drei Blogposts. Dies ist der erste Teil, über Archäologie und Patriarchat.

Disclaimer: Ich bin Historikerin und keine Archäologin, hab aber viel darüber gelernt. Das ist jetzt kein Fachartikel, sondern ein Blogpost. Ich empfehle die Lektüre des Wikipediaartikels zu “Hallstatt (Archäologie)” – der ist sehr gut und deckt sich in vielem damit, was ich in meinem Studium über Hallstatt gelernt habe, da kommen einige der beschriebenen Schwierigkeiten vor. Und wenn ihr alles wissenschaftlich fundiert lesen wollt: Jutta Leskovar, Bilder auf Töpfen, Bilder in Köpfen. Zur stereotypen Identifikation von Frauen und Männern in hallstattzeitlichen szenischen Darstellungen.

Noch was: Dadurch dass sich die binäre Geschlechterordnung (Frau – Mann) auch in der Archäologie und Geschichtsforschung noch fest hält, bin ich diesmal etwas kreativ mit den Gendersternchen und hänge sie nicht überall an, um sichtbar zu machen, wann in binären Kategorien gedacht wird, wobei aber auch immer Fehler passieren können.

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Im Rahmen eines Betriebsausfluges besuchte ich den Brot-Teil der Niederösterreichischen Landesausstellung Brot und Wein im Urgeschichtemuseum in Asparn an der Zaya. Draußen im Park, wo jungsteinzeitliche Töpfereien, Bäckereien, Wohnhäuser und mehr nachgebaut sind, fand ich folgende Tafel:

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Webgewichte, Spinnwirtel und Garn – das Handwerkzeug der jungsteinzeitlichen Frau” steht da auf der Tafel. Aha. Soso. Klar: Es hat wahrscheinlich in der ganzen Jungsteinzeit kein einziges männliches Wesen gegeben, das jemals auch nur in die Nähe der Produktion von Textilien gekommen ist (Produktion von Textilien ist ein Merkmal der Jungsteinzeit, davor gab’s die nicht). Im Gegenzug ist verbrieft, dass Frauen nie nie nie auf die Jagd gingen – und schon gar nicht auf Mammuts, die sich zum Ende der letzten Eiszeit vor ca. 12.000 Jahren, also ca. zum Beginn der Jungsteinzeit (zumindest im “Fruchtbaren Halbmond“) schon nach Nordosten und auf die Wrangelinsel vertschüsst hatten. Und etwas anderes als Cis-Männer und -Frauen gab es damals nicht. Wir wissen das, weil wir Zeitmaschinen haben und Forscher*innen durch die gesamte Steinzeit gereist sind und jede einzelne Person persönlich intensiv interviewt haben. Nein, Scherz, natürlich nicht – die steinzeitlichen Menschen haben uns alles haarklein aufgeschrieben. Ach, nein, falsch, es gibt unwiderlegbare Beweise dafür aus archäologischen Ausgrabungen.

Alles Quatsch.

Fakt ist: Eine Möglichkeit, Textilien in der Jungsteinzeit herzustellen, war das Spinnen von Garn mit der Spindel, das dann auf mit Hilfe der Webgewichte bespannten Webstühlen verwoben wurde.

Warum solltet ihr nicht glauben, dass für die jungsteinzeitliche Textilproduktion nur Frauen zuständig waren? Nun, lasst mich erklären.

Trotz einer Anzahl von Archäologinnen*, die in den Anfangstagen der Archäologie Grabungen durchführten und Frauen*, die bei Grabungen ihrer Archäologenväter*, -brüder*, -partner* auf verschiedene Arten mitarbeiteten, trotz aller feministischer Archäologie und Historiographie seit dem 19./20. Jahrhundert ist auch die Archäologie und Geschichtsschreibung nicht vor dem Patriarchat gefeit. Die Anzahl darf nämlich – wie immer – leider keinesfalls überschätzt werden. Ergo wurden und werden Grabungsfunde aus der Sicht des Patriarchats gedeutet, was z.B. dazu führt(e), dass Skelette mit Waffen – speziell Schwertern – als Grabbeigaben ohne weitere Untersuchung als Männer deklariert wurden, auch wenn ein Skelett möglicherweise das einer Frau* war. Gräber mit “Frauenschmuck” wurden dagegen als Frauengräber interpretiert.

Dazu kommt, dass es aus der Steinzeit, egal ob alt oder jung, keine schriftlichen Quellen gibt und die archäologische Fundlage bruchstückhaft, undurchsichtig und eben sehr anfällig für und abhängig von Interpretationen ist. Vieles wissen die heutigen Forscher*innen einfach nicht und werden es vielleicht nie erfahren. Siehe Wikipediaeintrag zu Hallstatt (Archäologie) – wie die Menschen der Hallstattzeit ihre herzförmigen Salzbrocken abbauten, weiß immer noch niemand. Aber aufgrund archäologischer Funde gibt es Anzeichen dafür, dass stillende Frauen und auch Kinder im Salzbergwerk arbeiteten bzw. sich aufhielten.

Hier ist besonders zu bedenken, dass Gegenstände aus organischen Materialien (Nahrungsmittel, Leder, Haare, Pflanzen, Holz, etc.) nur in ganz besonderen Fällen erhalten bleiben, wenn sie z.B. durch Feuer, Trockenheit, Hitze, Wasser, Feuchtigkeit, Kälte, Salz, Moore, Versteinerung, etc. konserviert wurden. Klingt nach viel, de facto ist es das nicht – jeder Fund, der heute noch gemacht wird, ist wieder ein neues Wunder. Vor allem gilt das für kleinräumige, intensivst besiedelte Gebiete, z.B. Mitteleuropa, aber auch die Mittelmeerküste Nordafrikas, Japan – die Zeit bleibt ja für die Fundorte nicht stehen, sondern da kommen dann andere Menschen, manchmal erst Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte danach und bauen auf bestehenden Strukturen auf oder machen die erst mal kaputt. Schon das Pflügen eines Feldes zerstört eine Bodenschicht und wirbelt sie auf – in manchen Gegenden Europas wird seit Jahrtausenden gepflügt und seit dem 20. Jahrhundert mit immer schwereren, maschinengezogenen Pflügen, die noch tiefere Schichten aufreißen.

Heute gibt es eine über Jahrzehnte entwickelte Wissenschaftskultur in der Archäologie, fein ausgeklügelte Grabungstechniken, um ja keine Details zu verlieren – wenn es sich nicht gerade um eine Notgrabung handelt – sorgfältige Dokumentation, Datierungstechniken, Genanalysen, Datenbanken mit z.B. Holz- oder Metallproben, und vieles mehr. Trotzdem sind auch heute Archäologie und Geschichtsschreibung absolut abhängig von Interpretationen, da es nur selten eine 100%ige Sicherheit geben kann. Niemand war dabei und Augenzeugenüberlieferungen (gibt’s erst mit der Schrift) müssen heftigster Quellenkritik unterzogen werden. Denkt nur an heutige Zeugenaussagen – nur wenige Menschen haben eine perfekte Erinnerungsgabe und kein Mensch ist objektiv.

Zusätzlich kommen diese Techniken und Standards vor allem dort zur Anwendung, wo es genug Geld für Archäologie gibt. Im 19. Jahrhundert und davor gab es diese Techniken nicht, unzählige wichtige Details gingen und gehen verloren. Zum Beispiel wurde eine tausende Jahre alte, im Salz konservierte Mumie aus dem Salzbergwerk in Hallstatt im 18. Jahrhundert gefunden, aber daraufhin einfach auf dem örtlichen Friedhof bestattet (siehe Hallstattartikel) – und das war kein Einzelfall.

Glücklich schätzen sich heutige Archäolog*innen, wenn es wenigstens Zeichnungen davon gibt, in welcher Position welche Fundstücke gefunden wurden (Fundzusammenhang) Wieder: Hallstatt (Archäologie)-Wikipediaeintrag. Die Ausgrabungen in Hallstatt im 19. Jahrhundert wurden gut dokumentiert – für die Zeit extrem rar – aber da die Originalfunde fehlen, helfen diese nur bedingt. Die meisten anderen Grabungen des 19. Jahrhunderts wurden nicht so sorgfältig dokumentiert und das blieb so lange ins 20. Jahrhundert hinein und geschieht sicher auch heute noch. Der Fundzusammenhang ist aber wichtig für die Interpretation der Funde. Die Position von Gegenständen, z.B. in einem Grab, sagt etwas über die Bedeutung der Gegenstände für die damaligen Menschen aus.

Mit der Übergabe der Fundgegenstände an die Sammelsuriumsmuseen – nein, Museen waren nicht immer so gut geordnet wie heute (es gibt sie auch noch nicht so lange) und nein, auch heute sind nicht alle Museen “gut” geordnet (Was heißt “gut”? Auch hier viele Faktoren.) – gingen die Zusammenhänge zwischen Funden verloren oder wurden auseinandergerissen, weil z.B. wertvolle Gegenstände herausgepickt wurden. Ja, etliche wichtige Gegenstände verschwanden und verschwinden spurlos – aus den Museen, von den Fundorten, durch Raubgrabungen, wenn sie nicht per Zufall auftauchen (siehe Himmelsscheibe von Nebra). Ergo können wir bei vielen Funden gar nicht wissen, ob alle Fundstücke vorhanden sind, wie diese angeordnet waren und in vielen Fällen auch nicht, was sie genau bedeuteten.

Nun kommt noch eine Ebene dazu: Eben der historiographische Teil der Archäologie, der aus den Fundstücken dann interpretiert, wie diese verwendet wurden und was sie für die damals lebenden Menschen bedeuteten. Nochmal: Dieser Teil besteht zu einem großen Teil aus Interpretation. Bei manchen Gegenständen ist die Verwendung eindeutig, doch können die meisten Gegenstände für vielfältige Zwecke eingesetzt werden und ihre Bedeutungen sind noch vielfältiger und quasi nur durch genaue Befragung der Personen, die einen Gegenstand verwenden, annähernd erfahrbar. Ihr glaubt das nicht? Denkt an euer Lieblingsbuch – wie vielfältig kann es verwendet werden und wieviele Bedeutungen hat es für euch? Und das ist noch ein einfaches Beispiel.

Dabei wurde lange Zeit angenommen, dass Forscher objektiv seien, Frauen das nicht wären und daher für die Forschung nicht geeignet seien und mehr als zwei Geschlechter gab es in der Forschung offiziell nicht. Heute kommen einige Menschen in der Forschung im Allgemeinen und auch in der Geschichtsforschung immer mehr darauf, dass Menschen nicht objektiv sein können und unsere persönlichen Prägungen, Ansichten, Stereotype, Gefühle etc. immer in unsere Forschungen – und alles andere auch – einfließen lassen, ob bewusst oder unbewusst. Wie objektiv ist also ein*e nicht für Feminismen sensibilisierte*r Forscher*in?

Nach der Geschichtsschreibung kommt die Vermittlung des Inhalts. Auch diese unterliegt einer Reihe von Faktoren, die Fakten und Interpretationen vermischen, verkürzen und verfälschen. Auch in der Archäologie und Geschichtsforschung, sowie in Museen und anderen Kultureinrichtungen, in Ämtern, die Ausstellungen in Auftrag geben bzw. finanzieren, haben immer noch weiße, gesunde, heterosexuelle Cis-Männer die Macht, egal wieviele Museen mittlerweile von Frauen* geleitet sind, egal wieviele Historikerinnen* es mittlerweile im Universitätsbetrieb gibt (zu wenige). Außerdem sind ja auch nicht alle Frauen* Feministinnen*.

Ebenso gibt es zum Teil die Auffassung, dass neuere Entwicklungen in der Geschichtsschreibung, also z.B. feministische Perspektiven, “zu schwierig” seien, um sie an “die Bevölkerung” zu vermitteln. Also werden Stereotypen, wie die Verbindung zwischen Frauen und Textilproduktion, immer weitergetragen. Ein Text, eine Ausstellung muss “dem Publikum”, das immer noch als weiß, gesund, heterosexuell, cis-männlich angenommen wird, gefallen. Und bloß das Publikum nicht abstoßen, das soll ja kommen und Geld zahlen.

Wenn ihr also solche Zuschreibungen bzw. Beschreibungen lest, bedenkt diese vielen, vielen Ebenen (ich habe sicher noch ein paar ausgelassen), die hinter einer solchen Phrase stecken und glaubt sie nicht auf Anhieb.

Denn wie soll ich glauben, dass in der Jungsteinzeit einzig und allein Frauen für die Textilproduktion zuständig waren? Gut, es gibt archäologische Funde von z.B. Metallgefäßen, auf denen die Textilproduktion durch Frauen* dokumentiert ist, Frauen* werden die Mittel für die Textilproduktion (Spindeln, Webgewichte) mitunter ins Grab gelegt – aber das beweist eben a) nichts, b) nicht alles und c) nur, dass die abgebildeten bzw. begrabenen Frauen* (wenn es denn Frauen* sind) möglicherweise Textilien produzierten. Erinnert euch – Gegenstände haben mehrere Bedeutungen, die nicht alle erfasst werden können. Das einzige was mit 100%iger Sicherheit gesagt werden kann: Seit Menschen Textilien produzieren, produzieren Menschen Textilien.

Teil 2 behandelt dann die “Brot”-Ausstellung selbst.

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11 thoughts on “Nein, so war das nicht. Feministische Archäologie und Geschichte – Teil 1

  1. Pingback: Nein, so war das nicht | Lukrezia das Herz

  2. Ich finde den Beitrag auch sehr gut. So gut, dass ich ihn gleich bei mir verlinkt habe. Auf den Gedanken, dass es keinen Nachweis darüber gibt ob Frauen wirklich nur das Herdfeuer gehütet haben, und Männer auf der Jagd waren, bin ich auch schon gestoßen. Aber ich treffe damit immer auf taube Ohren und zumiest auf Kommentare á la “Ja, theoretisch ist es zwar möglich dass es anders war, aber wir wissen doch im Grunde genommen dass es nur so gewesen sein kann wie die altmodischen Rollenklischees es uns lehren.”

    Umdenken und Anderes in Betracht ziehen fällt vielen schwer. Unterstützt wird das noch durch die Bücher von Barbara und Allan Peas und andere vermeintlich wissenschaftliche Publikationen.

  3. Pingback: “Barrierefreiheit”, Zelda und die Probleme eine weibliche Figur zu animieren – Der Linkspam

  4. Anhand von Skeletten und Grabbeigaben wie Werkzeug, Waffen, Nahrungsüberbleibsel, Kleidung etc. auf das soziale Geschlecht und auf die Tätigkeit zu schließen ist leider üblich, muss aber nicht zutreffend sein. Wie Frau, Mann u. a. Geschlechtswesen früher angesehen wurden, was sie taten, wie sie lebten, wissen wir nicht.

    Geschlechter und Lebenszusammenhängen werden leider retrospektiv gesehen, mit dem Wissen und Vorurteilen der heutigen Kultur, projiziert nach Wünschen der Wissenschaftler und deren ideologischen Strömungen.

  5. Danke fuer den Bericht!

    Die Deutungen & Interpretationen der Archaeologie sind generell eine Katastrophe und mich wundert nur, dass selbst an fuer den Laien offensichtlich voellig absurden Interpretationen festgehalten wird. Und das, obwohl die Menschen »heute« aufgeklaerter sein sollten als vor 100 Jahren.

    Ich selbst habe die Begleitkaertchen mit ihren patriarchalen Interpretationen zuletzt bei einer Ausstellung zum Thema »Monumente der Menschheit« gelesen. Da wurde einem islamisch gepraegtem Museum die Interpretation der Steinzeit ueberlassen. Der Humbug Level war mir dann doch zuviel. Aber so sind die Menschen offensichtlich. Selbst wenn die Exponate fuer sich sprechen und die Lagerraeume diverser Museen vieles haben, was wir nicht sehen, muss es so sein, wie es dem patriarchalen System entspricht.

    Sollte in einigen 1000 Jahren jemand an die Informationen dieser Zeit herankommen, wird sie hoffentlich als primitiv, wie sie ist, definiert. Dieses Verdienst hat dieser Zyklus immer noch.

      • Entschuldige bitte meine missverstaendliche Ausdrucksweise. Es handelte sich um ein Museum der Tuerkei, welches in Deutschland im Rahmen einer Kooperation ausgestellt hatte. Ich habe “tuerkisch” extra nicht erwaehnt, weil es nicht relevant war. Gleichwohl war bei den Beschreibungstexten nicht nur die uebliche, bekannte und von Dir beschriebene patriarchal-arachaeologische Sichtweise zu finden, sondern man bekam suggeriert, dass in vorislamischen Zeiten sowieso alles verkehrt war und erst danach alles wie es sein soll. Gegen Monotheismus bin ich generell allergisch, aber dieser Unterton hat mir die Ausstellung ein wenig vergaellt.

        Das Patriarchat unterstelle ich natuerlich keinesfalls alleine dem Islam. Da war ich wohl auch missverstaendlich. Der Irrsinn hat ja schon ein paar tausend Jahre davor begonnen und ich frage mich, ob es die Menschen jemals schaffen das auf- und abzuarbeiten.

      • Sorry, war nur nicht ganz sicher, was du da meintest & nicht so glücklich drüber. Dass vorher alles ungut war, gibt es ja auch im Christentum. Und dass Religionen Stützen eben der patriarchalen Gesellschaftsordnung sind … aber das ist ein Thema für sich.

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