Ein perfides Spiel mit der Wahrheit

Danke an @somlu1968 für Überlegungen und Recherche.

Kurz nach dem Posten meiner Replik auf den unsäglichen Artikel auf SpiegelOnline, als ich sah, wie mein Text retweetet und gefavt wurde, dachte ich mir schon: “War das klug? Jetzt kriegt er noch mehr Aufmerksamkeit.”

Spät am Abend sprach ich dann mit @SchwarzeTage über dieses perfide Spiel. Ein schlechter sexistischer “satirischer” Artikel wird geschrieben, wo ein Mann um Sympathie wirbt, weil ihm “die Frauen” das Leben ruiniert haben. Dafür wird er bezahlt. Dem Artikel liegt die Berechnung zugrunde, dass eine heftige Diskussion ausbricht, denn solcher Sexismus und Klassismus kann nicht unwidersprochen bleiben.

Warum nicht? Warum müssen “wir” widersprechen? Es gibt tausende solche Artikel, jeden Tag kommen neue dazu. Damit erzeugen sie ein Klima, in dem solche Artikel als witzig wahrgenommen werden. In dem es ok ist, Scheitern an Strukturen “den Frauen” oder anderen diskriminierten Gruppen anzulasten. Damit ist so ein Artikel Teil der sexistischen Kultur (Rape Culture), in der Frauen immer an allem Schuld sind. Willkommen im Patriarchat.

Der in dem Artikel reproduzierte (wenn auch “satirisch” interpretierbare – siehe weiter unten im Text) Klassismus wird übrigens nur von Betroffenen* und sensibilisierten Personen wahrgenommen. “Was ist daran klassistisch,” wurde ich gefragt.

Jedenfalls drückt der Artikel auf Knöpfe und löst damit Reaktionen aus. Denn nun bekommt der Artikel viel mehr Aufmerksamkeit als er jemals verdient hat. Klicks, Kommentare, Blogposts, Tweets. Alles mündet in Geld für SpiegelOnline – Klickrate, Verweildauer, Kommentarrate haben Auswirkungen auf Kosten für Werbeanzeigen, durch die sich Medien finanzieren. Für einen kurzen Artikel, der auf Kosten von Frauen* geschrieben wurde, erledigen jetzt vor allem Frauen* und Verbündete* die Werbearbeit, unbezahlt, versteht sich.

Solche perfiden Provokationen – Knopfdruck – Aufregung – Aufmerksamkeit – Geld – sind nichts Neues. Es macht mich so wütend, dass Menschen und Konzerne dieses Mittel auf die leichtfertigste Art und Weise einsetzen, um auf dem Rücken der Diskriminierten* Geld zu scheffeln. Wie viele ausgezeichnete Journalist*innen können kaum von ihrer Arbeit leben? Wieviele sind darauf angewiesen, gratis zu arbeiten, um nur einen Fuß ins Mediengeschäft zu kriegen? Wieviele verlassen dieses Feld oder kommen erst gar nicht rein, obwohl wir ihre Stimmen dringend brauchen?

Ich wollte hier abstrakt über die Mechanismen der Medien schreiben und nicht persönlich werden. Aber eine einfache Suche im Internet ergibt, dass der Autor des Uni-Loser-Textes Identitäten und Herkunftsgeschichten annimmt und ablegt (gerne im Rahmen von “Satire”) wie es ihm passt, und damit erfolgreich ist.

Link zum SpiegelOnline-Artikel – aus studiertem Hause
Link zu “Polemik” (Satire) in der Badischen Zeitung – angeblicher (sicher satirisch) Sohn eines Rübenbauers
Link zu Artikel in der taz – Großvater war Pfarrer

Was soll ich da eigentlich noch glauben? Welchen Medien soll ich da vertrauen? Und warum kriegt so ein Journalist weiterhin Geld, Raum für seine Lügen, Arbeit?

Was für ein Sittenbild. Aber stillhalten geht auch nicht.

https://twitter.com/SchwarzeTage/status/383369442165796864

Bis wir das Patriarchat zerschlagen haben.

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One thought on “Ein perfides Spiel mit der Wahrheit

  1. Pingback: #nudelnmitketchup – über dieses Hashtag (und über mich) | robins urban life stories

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