Zwei Schürzen

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Ich brauche mehr Schürzen.
Er lacht.
Schürzen, wie unglaublich antiquiert.
Schürzen, wie unglaublich unzeitgemäß.
Ich schürze die Lippen,
Ich schürze die Ärmel,
Ich schürze die Röcke
Und laufe davon.
(Vom 23.3. 2013)

Das nur als Einstieg.

Ich erkannte heute, warum ich Schürzen so liebe: Wenn ich eine Schürze trage, muss ich nicht aufpassen, dass ich mich anpatze (= ankleckere). An einer Schürze kann ich mir ungeniert die Hände abwischen, ich kann mit ihr andere Dinge abwischen, egal was an ihr hängen- oder klebenbleibt, das ist ihr Zweck.

Dann erkannte ich, dass ich es mir eben gar nicht leisten kann, meine restliche Kleidung so zu behandeln. Dafür wurden Schürzen erfunden: Zum Schutz. Weil es sich nur ganz wenige leisten konnten, ihre Kleidung permanent dreckig zu machen. Wenn die große Wäsche sehr umständlich ist und Kleidung sehr teuer, muss darauf gut geachtet werden. (Daher auch alle möglichen “Schoner”, wie Hemdenschoner, permanente Flick- und Stopfarbeiten, Umarbeitung in andere Kleidungsstücke … eine lange Geschichte.)

Dazu kommt dann der Druck permanent sauber und wohlriechend zu sein. Beflecktes Gewand bedeutet Armut. Es ist nicht “normal”. Jemand mit beflecktem Gewand kann sich entweder nicht darum kümmern, möglichst schnell wieder der Norm zu entsprechen oder – gefährlich – will der Norm aus verschiedenen Gründen nicht entsprechen.

Diese Sauberkeitsnorm wirkt schon im Kleinkindalter. “Mach dich nicht schmutzig!” Buben dürfen dreckiger und länger dreckig sein als Mädchen. “Echte Männer” dürfen dreckig sein, Frauen* müssen möglichst sauber, glatt und hell sein. Auch innen: Entschlackung (Detox), Blut- und Darmreinigung (Fasten, probiotische Dingsdas, Joghurt), Vaginalduschen (unnötigst).

Trotzdem dürfen wir als Kinder und Jugendliche zuletzt ungestraft herumpatzen mit allem, bis (Mit dem Essen spielt man nicht!) keine Ausrede (Wie siehst du denn aus!) mehr möglich ist (Du schaust ja aus wie ein Schweinderl!) und Dreck, wenn nicht ganz, dann in die Freizeit verbannt wird (Koch-, Töpferkurs oder Fangopackung gefällig?). Und kneten wir unseren Biobrotteig nicht mit der Hand, das dauert doch so lange …

Bis auf die Menschen, die weiterhin die Drecksarbeit machen müssen. Dabei tragen sie manchmal weiterhin Schürzen oder Schurze über der Arbeitskleidung. Und an den einen sehen wir verächtlich hinunter, weil sie mit echtem Dreck in Berührung kommen, an den anderen sehen wir bewundernd hinauf, weil sie noch mit den Händen arbeiten.

Schließlich: Der einzige Grund, warum ich mich so oft anpatze, ist dass ich meinem Essen nicht mehr volle Aufmerksamkeit schenke. Ich will aber nicht permanent eine Schürze tragen. Das käme Dirndln (Trachten) gefährlich nahe … (in Erinnerung an das #dirndlgate vom 24.9. 2013).

Anyway. Ich habe 2 Schürzen. Es werden sicher noch mehr werden.

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5 thoughts on “Zwei Schürzen

  1. Es gab bei mir eine Zeit, da träumte ich davon, mit den Kindern im Schlamm spielen zu dürfen. Ganz nach Herzenslust. Das war, als meine Tochter an Leukämie erkrankt war. Wir mussten aufpassen, dass sie keine Infektion bekommt. Herumpatzen, oder noch besser in schmutzigem Schlamm spielen, wurde für mich Symbol der Gesundheit. Und manchmal – jetzt da alles überstanden ist – machen wir das. Auch wenn uns alle, die uns nicht kennen, komisch anschauen. So verdreht sich mitunter das vorher akquirierte Sauberkeitsbild.

    • Ich bin froh, dass deine Tochter ihre Krankheit gut überstanden hat. Im Schlamm herumpatzen ist etwas Wunderschönes. Welche Symbolkraft das für dich und deine Familie hat, konnte ich ja schon in deinem schönen Post über den Tag am Meer lesen – wusste aber noch nichts über die Geschichte im Vordergrund. Alle die starren sind einfach neidisch, denke ich manchmal.

  2. Pingback: Die Geschichte mit der Tracht | enjoying the postapocalypse

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