Hihi, ich hab “Hoden” getweetet. Sample Size, Sexismus und Sensationsjournalismus

Alle nochmal schnell über das Wort “Hoden” lachen … uuuund jetzt bitte den Humor abgeben, die Garderobe ist da drüben links.

Ich lese einen Tweet. Diesen:

Ich schaue mir das Gespräch an.

Ich widerspreche noch freundlich:

Und Julia Pühringer legt schon den Finger auf die brennendste Wunde:

Wir diskutierten noch ein wenig, dann dachte ich, das wäre es jetzt gewesen. Ahahahaha, nein. Wir sind auf Twitter:

Wenigstens ein bisschen kritisch:

Ironisch gemeint?

Und hier gab’s dann #Twitterrage:

Ich bin mir sicher, ich würde noch mehr Tweets finden, allein, ich will nicht. Ich bin mir sicher, es wird mir noch mehr Links zu dieser Studie in die Timeline spülen. Bitte bitte nicht.

Ob wohlgemeint, ob lustig, satirisch – so verbreitet sich eine Studie, die ausgemachter Quatsch ist, so verbreitet sich schlechter Wissenschaftsjournalismus, so verbreiten sich Stereotype, so wird eine sexistische Kultur, in der Männer die sich um Kinder kümmern als unmännlich gelten, legitimiert und erhalten.

Der Artikel selbst erschien in den “Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS)”, ist aber leider nicht Open Access, sondern nur die “Significance” und der Abstract sind zu lesen.

Hier meine Kritik in vier Punkten:

1) Sample size, sample size, sample size

Wieviele Männer an der Studie teilnahmen, da sind sich die Artikel nicht einig. 55 oder doch 70? Wenigstens scheinen nicht nur weiße Männer befragt worden zu sein. Ihre Hoden wurden per MRI auf ihre Größe untersucht und dann wurden sowohl sie als auch ihre Partnerinnen befragt. Ihnen wurden Bilder ihrer Kinder gezeigt und dabei wurden ihre Gehirne ebenfalls per MRI durchleuchtet, um die Gehirnaktivität festzustellen.

Aber ob 70 oder 55, verglichen mit 3,5 Milliarden(!) Männern ist das keine ernstzunehmende, repräsentative Aussage. Noch dazu – wenn man den Berichterstattungen irgendwie trauen kann – wurden nur Väter von kleinen Kindern untersucht. Vaterschaft kann durchaus länger dauern. Oder erst nach dem Kleinkindalter beginnen.

ETA: Nicht unbedingt Klarheit in den sample size (55, 60, 69, 70?) bringt dieser differenziertere Artikel von Spiegel Online, der besonders am Ende sehr gut die Schleißigkeit der Studie und die Ahnungslosigkeit der Forscher*innen, wie diese Studie zu interpretieren ist, offenbart. (Danke @book_bat für den Hinweis und Link!)

Ob gleichgeschlechtliche Paare ebenfalls an der Untersuchung teilnahmen? Trans*frauen? Gab es denn eine Kontrollgruppe mit Männern, die keine Väter sind? (Wahrscheinlich ist die Antwort auf diese Fragen “Nein”.)

Aber da geht’s doch um Hoden! Hoden sind doch zum Kichern!

Stellen wir uns also keine Fragen zu sample size und den Kriterien, unter denen diese Studie durchgeführt wurde. Denken wir nicht daran, dass Wissenschaft, ihre Methoden und ihre Absichten kritisch zu hinterfragen sind. Und denken wir nicht daran, dass besonders naturwissenschaftliche Studien erst dann echte Gültigkeit erlangen, wenn sie mehrmals mit denselben Ergebnissen repliziert wurden.

2) Biologistische Argumente für sozial konstruiertes Verhalten

Nehmen wir mal 70 Männer, die Kinder haben und untersuchen ihre Hoden, ihre Hirne, ihre Reaktionen und befragen wir sie noch ein bisschen. Eltern hatten sicher alle. Aber waren auch beide Elternteile präsent? Waren die Väter präsent und engagiert? Wie erlebten sie ihr Familienleben? Welche Männlichkeitsbilder wurden ihnen vorgelebt? Welche Vorstellungen haben sie von Vaterschaft? Welche Ansichten haben sie generell und besonders zur Stellung von Männern* und Frauen* in der Gesellschaft? (Und sind sie für Gendergap oder Gendersternchen?)

Zu welchen Eltern Menschen werden hat sehr viel mit ihren Familiengeschichten, ihrer eigenen Erziehung, ihren persönlichen Erlebnissen zu tun. Wie Kinder erzogen werden, ist eine persönliche Entscheidung. Genausowenig wie Frauen automatisch und durch biologische Faktoren gute Mütter sind, genausowenig sind Männer aufgrund biologischer Faktoren schlechte Väter.

3) Sexismus

Leider gilt in unserer sexistischen Gesellschaft immer noch, dass Männer für Kinderbetreuung und -erziehung nicht so geeignet und wichtig sind wie Frauen. Diese Studie und die Verbreitung dieser Studie untermauert dieses Vorurteil. Wie schon Julia Pühringer sagte: “Da sagen dann alle ‘Kann nicht, hab große Hoden.'”

Gleichzeitig werden in der Studie und in den Berichten darüber kleine Hoden und niedriger Testosteronspiegel mit Kinderpflege assoziiert, die mit Frauen assoziiert wird und Frauen werden in unserer Gesellschaft immer noch als das schlechtere, schwachere Geschlecht stereotypisiert. Männer mit großen Hoden und hohem Testosteronspiegel werden in der Studie und den Berichten – und Männer in unserer Gesellschaft allgemein – als potent und damit mächtig dargestellt: “‘Wir kommen zu der Einschätzung, dass Männer mit größeren Hoden eher für die Zeugung gemacht sind – und folglich weniger für die Kinderpflege'”, sagte nun Rilling,” steht bei nachrichten.at.

Was für ein ausgemachter Quatsch. Was gilt ist was derselbe Herr Riling im New Scientist sagt: “Most fathers choose how involved they are in their child’s upbringing,” obwohl ich ihn da auf “all” korrigieren würde. Engagement oder kein Engagement – die Wahl besteht. Auch “unbewusstes” Fortschreiben von sexistischen Strukturen ist eine Wahl.

4) Seriöser Wissenschaftsjournalismus

Seriöser Wissenschaftsjournalismus wäre es gewesen, wenn die Journalist*innen genau diese und andere Aspekte, auf die ich nicht gekommen bin, aufgeworfen und kritisch berichtet hätten. Aber sexism sells, bestehende Strukturen kritisieren kostet Zeit und Nerven. Und dann erst die Kommentare.

Und so wird das nun weiter und weiter und weiter getragen, auch nochmal extra verkürzt auf Twitter. Und da soll ich mich nicht aufregen, sondern drüber lachen (und damit nicht mehr drüber nachdenken, meine unbequeme Meinung dazu nicht sgen und überhaupt still sein).

Ich lache dann, wenn unsere Gesellschaft nicht mehr sexistisch ist.

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