Als Gespenst in die Idylle

Liebes Ferientagebuch,

Erstens möchte ich deine Existenz mal legitimieren und zwar mit einem Comic von Kate Beaton. So.

Gestern fuhr ich mit dem Schiff. @kuhlpepper hatte mir erzählt, dass es Schiffstouren von Berlin bis hinaus in die Mark Brandenburg, nach Brandenburg an der Havel, gäbe. Nach so vier Tagen in der Stadt hätte mich das schon sehr gereizt. Aber gestern wurde diese Reise nicht angeboten.

Na gut, dachte ich, fahren wir nicht nach Westen, sondern nach Osten, zur “Idylle Löcknitz”. Also, wenn ihr Sozialstudien (mach ich ja gern) über ältere Berliner*innen machen wollt, dann macht eine solche Fahrt. Klingt das jetzt abschreckend? Sehr gut. Ich will gar nicht, dass ihr alle dort herumfahrt und merkt, wie schön es dort ist.

Wobei, also, ihr müsst Wald, dunkles Wasser (Moor), Kleingartenidylle und alte Industriebauten mögen, sonst wird es euch nicht gefallen. Aber viele Menschen, die gerade nicht Berlin bevölkern (es ist tatsächlich recht leer), sind dort und erfreuen sich an der Ruhe, an allerlei Wassersport und am Rasenmähen.

Ich hatte natürlich überhaupt nicht daran gedacht, dass ich eine Schifffahrt machen würde und hatte weder Sonnenhut noch Sonnencreme dabei. Sonnencreme konnte ich erwerben, Sonnenhut nicht, aber das wird schon noch. Die Sonnencreme ließ mich aussehen wie ein sehr vergnügtes Gespenst,
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wahrscheinlich ein Grund dafür, dass sich, als später mehr Sitze frei wurden, niemand neben mich setzte (muahahaha). Aber trotz fast andauernder Sonneneinstrahlung habe ich heute nirgends Sonnenbrand – Mission erfüllt.

Auf dem Schiff Monbijou (in Berlin gibt’s ja einen Monbijouplatz)
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ging es los. Diese Seerosen
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stehen stellvertretend für alle Seerosen, die ich gesehen, aber nicht fotografiert habe. Wir tuckerten vorbei an der Insel der Jugend, heute Insel Berlin.

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So wie in Wien für die Weltausstellung ist in Berlin für die Gewerbeausstellung von 1896 allerlei angelegt worden und überhaupt war man im 19. und 20. Jahrhundert nicht zimperlich, was das Anlegen, Umbauen und Begradigen von Flüssen angeht.

Entlang der Spree stehen riesige alte Fabriken aus dem 19. Jahrhundert, teilweise revitalisiert, teilweise verfallend. Ich mag ja Industriebauen und im Berlin gibt es extrem viele, die entweder offen oder versteckt herumstehen. Das hier ist die Rathenaufabrik (ja, von der Familie Walter Rathenaus, Industrieller, Schriftsteller und Politiker).
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Und noch mehr Fabriken bzw. Kraftwerke, Großwäschereien, Bierbrauereien – die halbe Industriegeschichte Berlins hier.
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Spätestens hier habe ich es dann bitterlich bereut, dass ich meine Kamera nicht mitgenommen hatte, weil es das Smartphone nicht so mit dem Gegenlicht und so hat. Aber egal. Ich hörte dann auf mit der Knipserei, weil das Wetter war so:
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und genoss die Fahrt nach Köpenick, wo es ein Schloss, Legenden und Literaturgeschichte gibt.
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Von Köpenick ging es zum Großen Müggelsee, wo sich mit den Müggelbergen auch die höchste Erhebung Berlins findet (Höre ich leises Kichern? Ja, ich auch). An dem Weg liegt die nun geschlossene Brauerei des Berliner Bürgerbräu.
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Ich würde ja allen Historiker*innen, die sich mit der Freizeitgeschichte, Alltagsgeschichte, Jugendgeschichte Berlins beschäftigen, dringend, DRINGEND raten, öfter diese Schiffsreisen zu machen und die Leute auf den Schiffen zu befragen, an was sie sich denn so erinnern, wo was war, was sie so gemacht haben. Da waren so viele Ausflugslokale, die es nun nicht mehr gibt. Ich erfuhr, dass eine der älteren Damen mit ihren Geschwistern je eine Mark bekamen, um Schwimmen zu gehen. Die fuhren aber nicht ins nächste Schwimmbad, sondern mit der S-Bahn weit hinaus, eben dieser Strecke entlang, wo der Eintritt billiger war. 20 Pfennig der Transport, 30 der Eintritt, da blieben noch 50 für ein Rieseneis. Ich sag ja nur.

Also, der Große Müggelsee, so 3×4 Kilometer.
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Weiter ging’s nach Erkner und zum Flakensee und dort begann die Löcknitz. Ein enges Flüsschen mit recht klarem Wasser, gesäumt von unzähligen kleinen Häusern (Datschen) und Gärten in verschiedenen Zuständen, manche schon Villen, andere noch ganz alte Hütten. Kleingartenidylle. Aber irgendwie schön, grün, erholsam. Und viele Leute unterwegs in allen möglichen Booten.

Über Fangschleuse, Grünheide und Alt Buchhorst erreichten wir schließlich den Möllensee. An manchen Punkten hielt das Schiff, um Leute auszuladen, die dann auf dem Rückweg wieder eingesammelt wurden. Weiter als bis zum Ende des Möllensee geht’s nicht.
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Also umgedreht und den ganzen Weg wieder zurück.
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Ach, es war schön. Ach, es war idyllisch. Nein, ihr wollt dort gar nicht hin. Berlin …
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