Berlin gemischt

Berlin ist so überlagert.

Ich sagte auf Twitter: Wie Berlin war, darüber denke ich seit gestern nach. Schön, spannend, lustig, interessant, belebt, neu, faszinierend, toll …

Und vertraut. Aus Gerhard Seyfrieds Comics. Aus vielen, vielen Büchern. Warum der “Tauentzien” (die Tauentzienstraße) mir so vertraut klingt, ich weiß es nicht.

Dann sagte ich noch: aber Berlin ist auch immer traurig, belastend, nervig, fremd, voll, verstörend, anstrengend, erschreckend, wehmütig …

Anstatt in ein Museum zu gehen, setzte ich mich in den Bus. Den Kurfürstendamm entlang, an James Cagney’s “Kurfürstendamm” aus One, Two, Three (bitte nur im Original ansehen) denkend. Einmal den Botanischen Garten umrundet, aber nicht hineingegangen. Nächster Bus zur Endstelle Turmstraße, noch ein Bus nach Pankow, eine Straßenbahn zur Björnson-, eine zur Warschauer Straße, halb um die Stadt.

Ob West oder Ost, die Häuser waren sich ähnlich. Backstein, Jugendstil, Naziarchitektur, 60er Jahre, ganz neu nur im Zentrum. Wie, wenn ich an Billy Wilder’s A Foreign Affair (nur im Original ansehen) denke, wo Luftaufnahmen von Berlin 1945 zu sehen sind, wie kann es sein, dass noch so viele alte Häuser stehen? Die Straßen waren sich auch ähnlich, ähnlicher als gedacht. Eine App, die mir mehr über diese Häuser sagen würde, wenn ich auf sie ziele …

Beim Starren auf die vielen Stadtpläne immer wieder Orte, die belastet sind. Wannsee. Kann man dort eigentlich wirklich Schwimmen gehen?

Plötzensee. Sowohl mein Großvater väterlicherseits als auch meine Großcousine mütterlicherseits sangen einen populären Schlager, der so ging:

“Du bist verrückt mein Kind,
du musst nach Berlin.
Da wo die Verrückten sind,
da gehörst du hin.

Du bist verrückt mein Kind,
du musst nach Plötzensee.
Da wo die Verrückten sind,
am grünen Strand der Spree.”

Danach wurden in Plötzensee Menschen hingerichtet.

Der Bahnhof Friedrichstraße war auch vor Kurzem anders geworden. Auf die Kinderverschickungen und Todeszüge macht eine Skulptur vor dem Bahnhof aufmerksam, die hatte ich schon im Oktober gesehen. Aber hier noch eine Schicht mehr:

Gedenktafeln, Stolpersteine finden sich auch in Wien (zu wenige). Aber Berlin ist trauriger, Schicht über Schicht über Schicht.

Ich habe kein einziges Foto gemacht bei dieser Reise um die halbe Stadt. So wie in Wien war es in den Außenbezirken ruhig, aber mein Fehler war, mir eine Touristenattraktion im Stadtzentrum bei Sonnenschein ansehen zu wollen. Es war eine so niedere Mauer. Das mach ich dann erst im Winter wieder. Und haltet euch vom Alexanderplatz fern, dieser Umsteigehölle.

Erst am Abend kam ein Wetter auf, das ungefähr ausdrückte, wie mir zumute war. Ach was soll das noch werden, mit mir und Berlin?

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Foto Anna Zschokke CC BY-NC-SA 3.0

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